Von Gottfried Sello

Fünfundzwanzig Jahre Kunst in der Bundesrepublik Deutschland" sind in Bonn zu besichtigen, im Städtischen Kunstmuseum, dem einzigen Provisorium, das die Bundeshauptstadt noch aufzuweisen hat. Es ist in einem ehemaligen Bürohaus untergebracht, der seit Jahren projektierte Neubau ist in diesem Frühjahr dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Die Ausstellung wäre im Mai fällig gewesen. Aber das bundesdeutsche Jubiläum ist fast unbemerkt vorübergegangen. Keines der großen deutschen Museen hat sich damals bemüßigt gefühlt, eine künstlerische Bilanz über die vergangenen 25 Jahre aufzumachen. Der Unterschied zur DDR ist eklatant. Da hat man sich aus entsprechendem Anlaß mächtig ins Zeug gelegt. Eine ganze Serie von Ausstellungen sollte die Bevölkerung über die Entwicklung und den Leistungsstand der bildenden Kunst informieren.

Man muß es dem Bonner Museum hoch anrechnen, daß es sich zu dieser Retrospektive entschlossen hat. Rund 150 Arbeiten sind ausgestellt, sie stammen bis auf wenige Leihgaben aus dem Eigenbestand des Museums, das von Anfang an und ausschließlich deutsche Kunst nach 1945 gesammelt hat. Durch diese Begrenzung hat das Bonner Museum Gewicht und Profil gewonnen, während die meisten deutschen Museen, soweit sie sich mit moderner Kunst befassen, die internationale Entwicklung dokumentieren wollten, wobei dann oft genug ein kümmerliches Sammelsurium zustande gekommen ist.

Deutsche Kunst nach 1945: die Ausstellung hält sich ungefähr an den chronologischen Ablauf, sie zeigt einzelne Entwicklungsphasen, Widersprüche, retardierende und beschleunigende Momente, Ansätze, die abrupt abbrechen. 25 Jahre werden gleichsam im Schnellgang vorgeführt, reduziert auf wenige Bilder, die nicht allein an das ästhetische, die an das zeitgenössische Bewußtsein appellieren, die in oft gegensätzlichen Positionen den geistigen Extrakt dieser Jahre konservieren. Baumeister und Werner Heldt dominieren als Antithese in dieser ersten Nachkriegsphase. Baumeister hat die Generation am stärksten beeinflußt, er forderte mit fataler Einseitigkeit Innovation um jeden Preis, weil er fand, es käme nur darauf an, "neue Sehzonen überhaupt zu entdecken, die vordem nicht vorhanden waren". Sein Gemälde "Schwarze Drachen", das archaische Zeichen in die Gegenwart transponiert, wird den Stadtansichten von Werner Heldt gegenübergestellt.

Informel, Tachismus sind die Parolen der fünfziger Jahre, die in der Bonner Retrospektive den breitesten Raum einnehmen. Das deutsche Informel war der erste große Stilentwurf nach dem Krieg, oft mißverstanden als Flucht aus der Realität, als Weigerung, sich den politischen und sozialen Problemen der Zeit zu stellen. Sieht man die Bilder heute, dann versteht man sie richtiger als Bekenntnis zum Subjektivismus, zur Selbstverwirklichung, als Befreiung von den Zwängen einer autoritären Vergangenheit, die damals noch nicht so vergangen war, wie sie uns heute glücklicherweise erscheint.

Aber auch in den fünfziger Jahren finden sich Maler, die, wie man damals sagte, "dem Gegenstand noch verhaftet sind", ein Ausdruck, der die Mentalität der Künstler und ihrer Interpreten reflektiert, der mitleidiges Bedauern für einen vermeintlich unzeitgemäßen Standort beinhaltet. Es ist bemerkenswert, daß gegenständliche Maler wie Werner Gilles sich quasi in der Defensive befanden und ihre künstlerische Leistung in die herrschende Abstraktion einzuordnen versuchten. Werner Gilles zu seinen Bildern 1955: "Man muß das Abstrakte der Malerei in Gegenstände brin-