Neu in Museen und Galerien:

"Der Dionysosmythos – Religion, Rausch, Raserei"

Dionysos, der Gott des Weines, von den Griechen in Unteritalien nach Rom vermittelt und dort als Bacchus heimisch geworden, war den staatserhaltend Mächtigen schon immer ein Ärger. Im 2. Jahrhundert vor Christus verbot der römische Senat die immer ekstatischer werdenden Feste zu Ehren des Gottes, ohne Erfolg, heute läßt die Polizei pusten, wir enthalten uns des Kommentars. Dionysos, der Gott des Rausches aller Arten, stand den Künstlern aller Zeiten dafür um so näher, war immer ein Lieblingsthema der Darstellung. Die in Berlin aus eigenen Beständen gezeigten Blätter umfassen fünf Jahrhunderte, reichen von Hans Baldung Grien über Corinth bis Picasso, zeigen, je nach Künstlertemperament und dem Geist des Jahrhunderts, alle Stufen zwischen dem jugendschönen Gott und dem aufgeschwemmten Wüstling. (Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz im Kupferstichkabinett Dahlem; bis zum 1. 12. 1974, Informationsheft 0,50 DM.) Petra Kipphoff

"Max Beckmann in der Sammlung Piper"

In seinem autobiographischen "Nachmittag" berichtet Reinhard Piper über die Stationen seiner Freundschaft mit Beckmann. "Meine Sammlung Beckmannscher Graphik und Zeichenkunst ist mir ein Stück meines Lebens geworden". Die jetzt in Bremen zu besichtigende Kollektion umfaßt Arbeiten aus den Jahren 1910 bis 1923. Manche Einzelblätter und ganze Zyklen sind in Pipers Auftrag, für seinen Verlag oder für die "Drucke der Marées-Gesellschaft" (die Meier-Graefe für Piper herausgab) entstanden, darunter der Radierzyklus "Jahrmarkt" und die "Stadtnacht"-Lithographien, die in vorzüglichen Probe- und Zustandsdrucken vorhanden sind. Zu den wichtigsten Werkgruppen gehören die Entwurfszeichnungen für Gemälde, etwa die fünf Kompositionsstudien für die "Nacht", die Piper im Juli 1919 bei einem Atelierbesuch erworben hat. (Bremen, Kunsthalle, bis zum 1.12., Katalog 10,– DM.) DM.) Gottfried Sello

"Der Beitrag Rußlands zur Avantgarde der zehner und zwanziger Jahre"

Immer mehr Ausstellungen und Publikationen befassen sich mit der Russischen Kunst vor und nach der Oktoberrevolution. Die Galerie Ricard verfolgt das Thema zurück bis zum russischen Jugendstil, der durch Kandinskys Holzschnitte "Gedichte ohne Worte" (verlegt in Moskau 1903) belegt wird. Ein neuer und überraschender Aspekt dieser Ausstellung: Die russische Avantgarde war keineswegs ausschließlich auf den Konstruktivismus fixiert, es gibt auch beispielsweise eine kräftige und permanente dadaistische Strömung, in der Literatur sowohl wie in der bildenden Kunst. Dichter und Künstler gründeten 1918 einen Dada-Club, den sie "Hundehütte" nannten. Der russische Dadaismus kulminierte in der Gruppe "Nichewoki", die Texte und Bilder produzierte und gleichzeitig die Unglaubwürdigkeit von Kunst proklamierte. Rund 55 illustrierte Bücher, Zeitschriften, Manifeste aus den Jahren 1912 bis 1927 dokumentieren diese im Westen unbekannte Richtung. (Nürnberg, Galerie R. Johanna Ricard, bis zum 9. 12., Katalog 18,– DM.) Gottfried Sello