/ Von Volker Mauersberger

Es scheint bis heute schwierig zu sein, die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie exakt und vorurteilsfrei zu beschreiben. Die zahlreichen Einzelstudien machen das Erscheinungsbild der Partei widersprüchlich, weil ihre Autoren je nach Standort den sozialistischen, den liberal-demokratischen oder den entschieden freiheitlichen Aspekt in der Geschichte des deutschen Sozialismus betonen.

Diese Partei, der nach einem Wort von Robert Michels die "Sonorität der revolutionären Phase" nie abhanden kam, hat es Gegnern und Freunden leicht gemacht: Während konservative Betrachter unverdrossen an der Legende stricken, daß die Sozialdemokratie Revolutionspartei mit eindeutig sozialistischer Programmatik gewesen sei, verweisen andere Autoren zu Recht darauf, daß sich die SPD im Konflikt zwischen sozialistischer Theorie und reformorientierter Praxis stets für den zweiten Weg entschied. "Ist aber die Sozialdemokratie heute etwas anderes als eine Partei, welche die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft durch das Mittel demokratischer und wirtschaftlicher Reform anstrebt?" Diese Frage Eduard Bernsteins aus dem Jahre 1899 wurde bis heute nicht eindeutig beantwortet.

Wer die Vergangenheit der SPD als Bestandteil der deutschen Verfassungsgeschichte versteht, kommt der historischen Wahrheit näher. In der Studie des jungen Historikers Heinrich Potthoff wird das Urteil, daß sich die SPD für ihr Bekenntnis zum demokratischen und sozialen Rechtsstaat auf eine ungebrochene Tradition berufen kann, überzeugend begründet:

Heinrich Potthoff: "Die Sozialdemokratie von den Anfängen bis 1945" in: Kleine Geschichte der SPD, Band 1; Verlag Neue Gesellschaft, Bonn-Bad Godesberg 1974; 230 S., 6,– DM.

Der Autor sieht die Sozialdemokratie als die große Emanzipationsbewegung des vierten Standes, der Arbeiterschaft. Er beschreibt aus gründlicher Quellenkenntnis das Entstehen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung seit den Revolutionsjahren 1848/1849. Dabei zeigt sich, daß die Diskussion um den Kurs der Partei seit Ferdinand Lassalle und August Bebel von Auseinandersetzungen mit dem linken Flügel geprägt war. Dieser Konflikt wurde im Sinne von Karl Kautsky, der die SPD als eine "revolutionäre, aber nicht Revolution machende Partei" definierte, stets für die Pragmatiker entschieden.

Die Grundfrage, wie Theorie und Praxis zu verbinden seien, beantwortete der Reformist Georg von Vollmar im Jahre 1891 mit dem Satz, die Partei habe sich "auf die jeweils nächsten und dringendsten Dinge" zu konzentrieren und müsse sich zur "Taktik der politisch reformierenden Wirksamkeit" bekennen.