Von Dietrich Strothmann

Mülheim, im November

In diesem Saal der Mülheimer Stadthalle hat schon einmal ein – allerdings prominenter – Politiker den Mund reichlich voll genommen: 1969, aus Zorn über die verlorene Kanzlerkrone, hatte von hier aus Kurt Georg Kiesinger damit gedroht, die Freien Demokraten aus allen Landlagen hinauszukatapultieren".

Mit der FDP, erst recht mit der SPD und sogar – weich dreister Mut – mit der CDU will es seit dem 9. November ein Politiker weit geringeren Kalibers aufnehmen: Kurt Meyer, Genußmittel-Großhändler (mit dem Spitznamen "Marken-Meyer" und dem entsprechenden Telexkürzel "mamey"), bis dahin parteiloser Ratsherr zu Mülheim/Ruhr, hob an jenem Tag eine neue Partei aus der Taufe – die Deutsche Soziale Union (DSU). Sie ist ein Zwitter, wenig respektierlich, mit einem geradezu beängstigenden Untergewicht. Knapp 66 Versprengte waren als Taufpaten zur Stelle. Jedoch Kurt Meyer, ehemals Hauptmann der Panzeraufklärer, ein "harter, fairer und solider Kämpfer", wie er sich seinen neuen Genossen empfahl, ließ sich’s nicht verdrießen: Unerschrocken klappte er nach seiner unangefochtenen Wahl (63 für ihn, drei ungültige Stimmen) das Visier herunter und setzte zum Sturmlauf gegen fast alles an außer gegen den "Doktor Franz Josef Strauß": Denn "diesem Manne gilt unsere Hoffnung bei seinem Wirken für Deutschland".

Dasselbe Hohelied auf den unsichtbar Gegenwärtigen hatte vor Meyer bereits dessen Vize Helmut Kasper in kräftigen Tönen gesungen: Mit Strauß persönlich, so der Hauptgeschäftsführer des Bundes der Selbständigen, habe er den Parteinamen ausgehandelt (in Anlehnung an die CSU-Initialen und laut Meyer, in "Würdigung der bundes- und weltweit anerkannten Leistungen" des Bayern); hinter ihm stünde nun auch die DSU "unzerbrechlich", weil "nicht nur Herr Doktor Strauß diese Partei wünscht, sondern das ganze deutsche Volk".

Abgesehen davon, daß sich Strauß bereits von seinen Mülheimer Gesinnungsfreunden distanzieren ließ, die sich zuvor in dem "Aktionsausschuß für die Zusammenarbeit mit der CSU" gesammelt hatten; abgesehen auch davon, daß, nach dem eindeutigen Unions-Beschluß vom September gegen eine ihr weltanschaulich nahe vierte Partei, der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Köppler das Meyersche Produkt als schädlich für seine eigenen Wahlchancen einstufte, die so schlecht nicht sind – wem wohl will diese DSU was anbieten?

Da sind die Männer an ihrer Spitze: Mendes alter Kampfgefährte Meyer vor allem, der nach seinem Austritt aus der FDP (Mitglied im Landesvorstand und im Bundeshauptausschuß) alle zwei Jahre an einer anderen Parteigründungsfront zu finden war – 1970 bei Zoglmanns Nationalliberaler Aktion, 1972 bei der ebenso kläglich verendeten Deutschen Union. Die Courage indessen scheint den frischgekürten Parteioberen, kaum daß er sie seinem Häuflein in der Mülheimer Festhalle präsentierte, schon wieder verlassen zu haben. Schon kündigt er vorsorglich den Rückzug an: "Sollte unser politisches Wollen aus Gründen, die wir nicht zu verantworten hätten, scheitern, bleibt uns die Gewißheit, daß wir unser Möglichstes haben tun wollen oder getan haben für diese Nation, der wir uns als Deutsche im freien Deutschland verpflichtet fühlen."