Von Jürgen Lodemann

Man könnte meinen, es läge an Sonnenflecken oder unexorzierten Wasseradern, daß dieses Österreich jährlich neue junge Schriftgewaltige ausspuckt und heuer wieder einen direkt vom dampfenden Kuhmist in den feinen Residenz-Verlag, einen, dem man nur die altdeutsche Vokabel "genialisch" anhängen kann –

Franz Innerhofer: "Schöne Tage", Roman; Residenz-Verlag, Salzburg, 1974; 240 S., 25,–DM.

Autobiographisch geht es um eine gestohlene Kindheit und Jugend als Stiefkind und "Leibeigener" eines Großbauern – "wie ein halb erschlagenes Kalb kam er sich vor"; "im Haus und in der Siedlung funkelte es nur so von fremden Gesichtern"; "Da gehst her!" ; "Dort bleibst!" ; "Ruhig bist!"

"Schöne Tage": ein Hohn auf den Familien-, Berg- und Heimatroman, zu empfehlen zunächst einmal allen, die beim Anblick von Almen noch immer Heimat- und Naturgefühle absondern. Eine neue Anton-Reiser- und Oliver-Twist-Klage von brutaler Kinderarbeit bei Bergbauern, von der Ausnützung idiotischer Knechte, abgestumpfter Mägde, geschrieben in einer Sprache, die nur aus ohnmächtigem Haß entstehen konnte, die nur als verbale Rache zu verstehen ist. "Ein Bauernhof, groß und grausam gläubig, der Bauer herrenmäßig, die Bäuerin hinter allem und allen her, sie pferchte das Gesinde nach Feierabend in die Kapelle, jagte die Buben ministrieren, schickte den Bauern nach Rom zum Papst und stach mit den Augen zu."

Das ist noch ein Autor, der sich voll seinem Stoff überlassen, in seine Kindheit eintauchen kann, ohne in Sprachlosigkeit oder Wehleidigkeit zu verfallen, im Gegenteil, diese Sätze können packen, schütteln, schleudern: "Ein Vater, der sich eine Zigarette anzündet, während ihm die Kinder sagten, daß eines in den Bach gefallen ist." Wer schreibt noch solche Erfahrungen in aberhunderten solcher Sätze: "Über hohen Felswänden klebte ein verbohrter Bauer mit seinen Leuten, alle angeseilt, an gepachteten Bergmähdern, der hatte schon sieben Kinder, hauptsächlich zu diesem Zwecke gemacht." Wo, frage ich, konnte einer brüllende Erinnerung in solche Syntax fassen, ohne also selbst zu brüllen? "Der Huberleibeigene trug jetzt noch die aus einer Pferdedecke zusammengeschneiderte Hose, mit der er vor vier Jahren an einem Wintermorgen in die Klasse gestolpert war."

Martyrium, Folter heute, im Namen Christi nicht erduldet, sondern ausgeübt. Wobei diese Folter ebenso in achtzehnstündigen Kinderarbeitstagen besteht wie winters im dumpfen Hindämmern in der Stube, unter der drückenden Anwesenheit des Großbauern, der den "Rupertusboten" liest und fromme Gespenster- und Unglücksgeschichten erzählt und Gott als den obersten Unterdrücker etabliert, "dem es Spaß macht, daß Menschen gequält werden." – "Rosa erzählte die Geschichte von ihrer Freundin, die sich aus Angst vor ihren erzkatholischen Eltern immer fester zusammenschnürte und sich mit kaum sechzehn Jahren in einem Heustadel erhängt hatte."