Er ist der Alptraum der jungen Eisschnellläufer der Schweiz und der Bundesrepublik, und auf den niederländischen Bahnen, in Heerenveen wie in Deventer, in Groningen wie in Amsterdam und natürlich auch in den Haag, wird er vom Publikum gefeiert wie die populärsten "Schaatsenrijders" Hollands, sooft er dortzulande startet. Und Franz Krienbühl startet oft auf einem der 400-m-Ovale der Niederlande. Er startet überhaupt soviel wie möglich. Wo immer sich die besten Eisschnelläufer der Welt treffen, der "Methusalem" aus der Schweiz ist dabei. Er ist ein Genie, ein Fanatiker, ein Narr, eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein excellenter Könner dazu – alles in einer Person. Eisschnelllauf ist für ihn Wissenschaft und Religion zugleich. Und eigentlich bedauert Franz Krienbühl nur, nicht. 20 Jahre jünger zu sein. Seine Liebe zum Eisschnellauf entdeckte er erst mit 31 Jahren. Das war 1960. Seitdem ist er mit diesem kalten, schönen Sport verheiratet.

Selbst seine Freunde halten Franz Krienbühl für einen interessanten Narren, dem der geliebte Sport zum beherrschenden Inhalt seines Lebens wurde. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden, weil sie das Gefühl nicht los wurde, ihr Franzi sei mehr mit seinen Schlittschuhen denn mit ihr verheiratet. Woran sicherlich vieles wahr war. Und wenn der Schweizer tanzt – was er vorzüglich kann –, dann muß die Dame seiner Wahl darauf gefaßt sein, zwischen Slowfox und Tango eine Lektion über aerodynamische Schuhe und windschlüpfige Anzüge zu hören, die er selber konstruiert hat. Es gibt kein 400-m-Eisschnellauf-Oval in Europa, wo man den Oldtimer mit der auffälligen Hakennase nicht kennt, der härter trainiert als selbst die ehrgeizigsten Holländer und Skandinavier.

Franz Krienbühls Geburtstag ist der 24. März 1929. Er darf für sich in Anspruch nehmen, ein renommierter Innenarchitekt der Schweiz zu sein, der sein Handwerk bis ins letzte Detail versteht. Doch über seinen Beruf spricht er selten. Um so mehr von seinem Hobby. Er gilt als einer der besten Schachspieler der Schweiz, ist obendrein ein Klaviervirtuose, der auch in der Öffentlichkeit auftreten könnte – wenn er wollte. Franz Krienbühl will nicht. Besser gesagt, nicht mehr, denn eigentlich war er einst Tischler und Musikus, ehe er die Kunstgewerbeschule besuchte.

Dieser Mann, mittlerweile 45 Jahre alt, fand erst 1960 zum Eisschnellauf. Damals war er gerade 31 geworden und wog annähernd 90 Kilo. Unglaublich kommt es einem vor, wenn man den schmächtigen Mann von 145 Pfund heute seine Runden drehen sieht. Und dieser "alte Mann" des Eisschnellaufs hat im letzten Winter das Kunststück fertiggebracht, bei der Weltmeisterschaft in Inzell in den Kreis der 16 stärksten Vierkämpfer der Welt vorzudringen, den einzigen international salonfähigen Vierkämpfer der Bundesrepublik, Herbert Schwarz aus Inzell, weit hinter sich zu lassen, gleich vier Schweizer Landesrekorde aufzustellen, auf der 5000-m-Distanz die elftschnellste Zeit zu laufen, dabei sogar so berühmte Norweger wie Amund Sjoerbrend, Asle Johannsen und Jan Sturholt – Herbert Schwarz sowieso – hinter sich zu lassen und über 10 000 m sogar noch schneller zu sein als der schwedische Ex-Weltmeister Göran Claeson. Gelassen erklärt der Senior aus Zürich, der zeitweilig vom deutschen Ex-Weltrekordler Günther Traub trainiert wurde, ehe er seine eigenen Wege ging: "Inzell war mein bisher größter sportlicher Erfolg. Jetzt sind mein nächstes Ziel die Zwölften Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck."

Franz Krienbühl wird 1976 47 Jahre alt. Die Mediziner halten ihn schon heute für ein Phänomen, die Sportler für eine skurrile Rarität – und die jungen Läufer Europas fürchten ihn, weil er sie beschämt. Schließlich hält er die Schweizer Rekorde über 1500 m mit 2:08,25 Minuten, über 3000 m mit 4:29,5 Minuten, über 5000 m mit 7:41,55 Minuten und über 10 000 m mit 16:01,40 Minuten sowie im Kleinen Vierkampf mit 178,410 und im Großen Vierkampf mit 180,395 Punkten. Ein Vergleich ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert: Herbert Schwarz war im letzten Winter mit 7:54,26 und 16:54,29 Minuten der beste 5000- und 10 000-m-Läufer der Bundesrepublik. Herbert Schwarz ist 21 Jahre jung. Er träumt von den Zeiten des 45jährigen Eisschnelllauf-Phänomens, das sein Vater sein könnte

Für Harm Kuipers aus Holland, einem 27jährigen Medizinstudenten, seines Zeichens Vize-Weltmeister im Vierkampf (500 m, 1500 m, 5000m und 10 000 m), gibt es eine andere Erklärung. Hier spricht der junge Mediziner: "Bei Franz Krienbühl kam die Pubertät mindestens zehn Jahre zu spät. Deshalb ist dieser 45jährige so stark wie ein 35jähriger." Aber selbst wenn man diese Theorie akzeptiert, hat die Sache einen großen Haken; Auch ein 35jähriger Franz Krienbühl wäre der mit Abstand älteste Läufer der schnellen Hautevolee auf schmalen Kufen...

Karl Morgenstern