Für diese Generation der heute etwa Fünfzigjährigen haben die Jahre um 1945 eine ungeheure Faszination. 1945 – damals waren sie gerade so alt, um nicht beteiligt, sondern dank ihrer Jugend nur Opfer oder Verführte zu sein, aber doch alt genug, um sich in der Offenheit der Jahre zwischen Jugend und Erwachsensein von dem menschlichen und politischen Chaos ergreifen zu lassen. Das sind Bilder, die sich in all den Jahren danach nicht verwischten, Erlebnisse, die in ihrer skurrilen und entsetzlichen Intensität zu maßlosen Erinnerungen kondensiert worden sind, nie ganz verarbeitet, und von der Art, daß alles, was später geschah, sonderbar unwichtig erschien. Jene Jahre damals, das war das wahre Leben, da gab es Schicksal, Verbot, Herausforderung, Gefahr und Strafe. Diese Erinnerungen warten nur auf Abruf, und wieder hat ein Autor ihnen weit die Tore geöffnet –

Hans Herlin: "Freunde", Roman; Verlag Droemer Knaur, München/Zürich, 1974; 312 S., 28,– DM.

Freunde – nicht aus Zuneigung, sondern weil sie ein Stück Kindheit zusammen verbracht haben und dasselbe Mädchen kannten. Hans Pikola, der Erzähler und geborene Verlierer, liebte es, aber der andere, Fritz Lehr, der bedenkenlose Sieger, schlief mit ihm. Das Mädchen, Julia, landete als Tochter eines Generals, der am 20. Juli beteiligt war, in einem Konzentrationslager, aus dem die Arbeitskräfte für die Rüstungsbetriebe der Lehrs stammten und in dem das Kind von Fritz geboren wird. Er weiß natürlich nichts von ihm, und es ist Pikola, der es kurz vor dem Zusammenbruch aus dem Lager schmuggeln kann, als sein eigenes ausgibt und von Nonnen erziehen läßt. Julias Mutter wird mit vielen hundert anderen Häftlingen im KZ erschossen, im Kies verscharrt.

Die Gebeine in der wiederbenutzten Kiesgrube bringen die Vergangenheit wieder ans Licht: die Geschichte von Pikolas hilfloser Liebe und von der Flucht des SS-Lagerarztes, der Lehrs Schwager war, der Julias Tod verschuldet hat und 1947 umgekommen sein sollte. Aber er taucht wieder auf, und die Erinnerungen stören die Lehrs, die gerade hundertjähriges Firmenjubiläum begehen wollen. Nun soll Pikola ihnen eine glänzende Festschrift fabrizieren und den lästigen Schwager in Spanien dezent erschießen.

Damit fängt der Roman an: Pikola samt Pistole und 250 000 Dollar (entweder Schweigegeld für den Schwager oder Mordgeld für sich selbst) auf dem Weg zum SS-Arzt – und schon mit dieser Szene setzt der Bruch in der Geschichte des glücklosen Helden ein.

Herlin vertraut nicht dem, was er zu erzählen hätte. Er glaubt entweder nicht an die Kraft seiner Worte oder nicht an die Kraft seines Stoffes; er putzt ihn auf, er schiebt den Thriller vor. Die Personen reden Werbeslogans, werden mit dem ganz großen Elend oder mit den Prestigesymbolen des duftenden Reichtums behängt. Da wird nur teuer gewohnt und gefahren, da blüht das scheinbare Understatement journalistisch exakter Beschreibungen exklusiver Tätigkeiten: wie man international Tennis spielt, wie man als sehr Reicher schwul ist, wie man einen Holbein restauriert, wie man Geldkassetten aus spanischen Banksafes holt – alles echt Hemingway und 007, und so wirkungsvoll, wenn es – Schnitt – zwischen Krieg, KZ und mieser Gegenwart steht.

Das läuft weiter wie bekannt. Immer wieder taucht ein neuer Name auf, bleibt unerklärt zunächst, geheimnisvoll und spannungsumvittert. All die Schatten der Vergangenheit schüren die Dramatik und wirken wie alte Bekannte, weil sie dem beliebig austauschbaren Chargenvorrat der Unterhaltungsliteratur entstammen, herbegeholt und abgestaubt, um eine ganz einfache Geschichte als "großen deutschen Roman" zu verkleiden, von dem die Buchklappe kündet. Die einfache Geschichte ist die von einem jungen Mann, der zu jung war, um seine erste Liebe zu begreifen und zu retten, und der nie erwachsen genug wurde, um jemand anders zu werden als der sensible, unsichere Jüngling von damals. Und es ist die Geschichte von einem noch nicht alten Mann, der ein junges Mädchen zu lieben glaubt.