ZDF, Montag, 11. November: "Paul" von Klaus Lemke

Vor sieben Jahren noch galt Klaus Lemke als eines der hoffnungsvollsten Talente des jungen deutschen Kinos. Seine beiden ersten Spielfilme, "48 Stunden bis Acapulco" und "Negresco", sperrige Träume eines Schwabinger Cineasten vom glamourösen Duft der großen weiten Welt, gehörten zu den exemplarischen Manifestationen der "Münchener Gruppe", die sich längst in alle Winde aufgelöst hat.

Wie viele andere fand Lemke Unterschlupf beim Fernsehen. Der Traum von Hollywood ist an der Realität deutscher Produktionsverhältnisse zuschanden gegangen, und Leute wie Lemke backen inzwischen ziemlich kleine Brötchen. Zuletzt leistete er sich den Film "Sylvie", die modisch aufgeputzte Geschichte eines Topmodells: so atemlos schick, glatt und letztlich langweilig wie eine durchschnittliche Illustriertengeschichte.

"Paul" ist so übel nicht. Der 75-Minuten-Film mit dem lakonischen Titel handelt von einem Typ um die dreißig, der nach sieben Jahren Knast ins Hamburger Milieu um die "Meile" zurückkehrt. Alles soll wieder so werden wie früher, aber die alten Freunde vom Kietz sind miese Brüder, setzen sogar einen Killer auf Paul an. Der, ein treuherziger Kraftmensch, gerät eher zufällig in eine illustre Soiree hanseatischer Patrizier, die sich den aufsässigen Außenseiter als exotisches Maskottchen zulegen.

"Paul", wie schon Lemkes früherer Film "Rocker", wird fast ausschließlich von Laiendarstellern gespielt. Aber anders als zum Beispiel ein Regisseur wie Jürgen Roland führt Lemke die Nutten und Ledertypen von St. Pauli nicht wie bizarre Tanzbären vor, sondern läßt ihnen ihre Sprache, ihr Temperament, ihre Vitalität. Viele Szenen und Dialoge sind ganz offensichtlich improvisiert, und die rüden Amateure können sich nach Herzenslust austoben. In der eindrucksvollsten Szene des Films, einem Katerfrühstück, das allmählich in eine ebenso hemmungslose wie hoffnungslose Orgie von Gewalt und Sexualität umschlägt, konfrontiert Lemke die beiden Welten, zwischen denen ein Außenseiter wie Paul kaputtgeht: Hier die gelangweilten Bürger, die auch mal auf den Pütz hauen wollen, dort die Profis der Vergnügungsindustrie, die mit trotzigem Stolz auf ihrer Berufsehre bestehen.

Wie zwischen der Villa an der Elbchaussee und der Kneipe auf der Reeperbahn pendelt Lemkes Film ständig zwischen saftiger Kinokolportage und dokumentarischem Realismus. Und wie sein Held setzt sich auch der Regisseur zwischen alle Stühle, läßt sich weder eindeutig auf mürbe Sozialkritik festlegen noch auf spekulatives Melodram.

Aber gerade dieses spontane Spiel mit sehr unterschiedlichen Erzählunterhaltungen macht "Paul" aufregend und lebendig. Ganz lässig beobachtet Lemke, der den ganzen Film mit einer sehr beweglichen Handkamera gedreht hat, was sich aus den Situationen so entwickelt. Er drängt sich nicht auf, die Atmosphäre latenter Gewalt, die "Paul" vermittelt, rührt nicht von der leichtfertigen Vergewaltigung der Akteure, sondern kommt direkt aus den kruden Emotionen der Beteiligten. Gesellschaftliche Hintergründe interessieren Lemke nicht, aber als Momentaufnahme einer dumpfen Wut ist "Paul" mitsamt seinen überflüssigen Macken und Schlenkern ein interessantes Dokument. Mit Klaus Lemke, so scheint es, kann man wieder rechnen.

Hans C. Blumenberg