"Wir werden sie fassen,... und wir rufen unsere Bürger in der Stadt auf, uns dabei zu helfen." Mit diesen Worten reagierte Bürgermeister Schütz auf den Mord an Westberlins höchstem Richter, Günter von Drenkmann. Trotz der 55 000 Mark Belohnung, die Bundesinnenminister Maihofer und der Berliner Polizeipräsident ausgesetzt haben, gab es am Dienstag, zwei Tage nach dem Überfall, noch keine heiße Spur.

Die Ermordung des Kammergerichtspräsidenten durch vier Schüsse geschah einen Tag nach dem Tode von Holger Meins, der zum harten Kern der Baader-Meinhof-Gruppe zählt, in der Haftanstalt von Wittlich in der Eifel. Es wird daher ein enger Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gesehen.

Auch hatte noch am selben Abend ein anonymer Anrufer beim Landesbüro der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf erklärt, die "Rote Armee-Fraktion/Aufbauorganisation" sei für das Attentat verantwortlich. Er kündigte weitere Anschläge in Frankfurt, Hamburg, Bremen, Stuttgart, München und Dortmund gegen Richter, Polizei und Justizgebäude an. Der Axel-Springer-Verlag erhielt einen ähnlichen Anruf mit der Drohung: "Weitere Hinrichtungen werden folgen."

Der Westberliner Innensenator Neubauer sieht in dem Mordüberfall den möglichen Beginn einer neuen Terrorwelle. Richter und Staatsanwälte, die mit Baader-Meinhof-Straftaten zu tun haben, wurden unter erhöhten Polizeischutz gestellt.

Der Anschlag auf den Kammergerichtspräsidenten war mit einer Täuschung eingeleitet worden. Einen Tag nach seinem 64. Geburtstag gab sich einer der Täter über die Sprechanlage an der Haustür des Grundstücks Bayernallee 10 in Berlin-Westend als Fleurop-Bote aus, der einen Blumenstrauß bringe. Tatsächlich hatte er sechs rote und rosa Nelken in der Hand. Beim öffnen stürmten fünf Männer die Treppe hinauf.

Die Schüsse fielen nicht sofort, sondern es gab ein Handgemenge. Das spricht nach den Ermittlungen für die Möglichkeit eines Entführungsversuchs, der an der Gegenwehr des Richters gescheitert sein könnte. Erst dann fielen die Schüsse – darunter zwei mit der Wirkung von Dum-Dum-Geschossen (Hohlspitze). Bei der Einlieferung ins Krankenhaus war der Jurist schon tot.

Von Drenkmann hatte nicht unter polizeilichem Schutz gestanden, weil er mit den Verbrechen der Linksextremisten nicht unmittelbar befaßt war. Auch hatte er nie als Strafrichter fungiert. Dennoch war er vor viereinhalb Jahren schon einmal von einem Anschlag betroffen worden. Im April 1970 hätte eine Bombe seinen Dienstraum im Kammergericht verwüstet.