August Strindberg: Dramatiker, Romancier, Lyriker, Soziologe, Maler

Von Anni Carlsson

Die erste schwedische Gesamtausgabe der Werke von August Strindberg umfaßt 55 Bände (1912 bis 1930). Die deutsche Gesamtausgabe, noch von Strindberg selbst zusammen mit seinem deutschen Übersetzer Emil Schering veranstaltet, brachte es auf 46 Bände (1902 bis 1930). Dazu kommt die von Torsten Eklund vorzüglich edierte, bis jetzt auf 13 Bände angewachsene Originalausgabe der Briefe – insgesamt die Hinterlassenschaft eines Mannes, der mit 63 Jahren starb und die zeitgenössische Literatur durch so mannigfaltige neue Ansätze bereicherte, daß die Aneignung, ja auch nur die Sichtung dieses Reichtums noch lange nicht abgeschlossen ist.

Wenn der junge Bertolt Brecht um 1920 in der Feindseligkeit das hervorstechendste Merkmal menschlichen Zusammenlebens erkannte, ist diese Beobachtung nicht zu denken ohne Strindbergs – Familiendramen und naturalistische Trauerspiele; sie haben die Feindseligkeit bloßgestellt. Alices Ruf im "Totentanz" über ihren Mann: "Hurra, er stirbt!" wurde dramatisch ebenso folgenreich wie die ausweglose Verstrickung der hochmütigen Julie, und Strindberg war sich des historischen Augenblicks bewußt, als er am 10. August 1888 im Tonfall Goethes nach der Schlacht bei Valmy seinem Verleger "Fräulein Julie" offerierte: "Hiermit erlaube ich mir, Ihnen das erste naturalistische Trauerspiel der schwedischen Dramatik anzubieten, und ich bitte Sie, es nicht leichtsinnig zu verschmähen, denn ... dieses Stück wird in den Annalen verzeichnet werden." Doch Bonnier wagte vorerst nicht, das Stück herauszubringen. Je moderner, rücksichtsloser, wahrhaftiger – je "besser" (in seinen Augen) der Schriftsteller Strindberg schrieb, um so hartnäckiger folgte ihm trotz wachsenden Ruhmes in Europa "die nicht umzubringende schwarze Katze mit den gelben Augen", die Not. Prozesse, Hotelschulden, Pfändungen waren in den achtziger und neunziger Jahren an der Tagesordnung: "Ich stelle mich in die Buchhandlung oder male Bilder! Werde Kellner oder Nachtwächter! Alles außer Verrat an meiner Kunst... ich sterbe allein mit mir selbst, lebe nur in meinen Werken" (an Edvard Brandes, 30. 3. 1888).

Ein Stiefkind Gottes

Den Nobelpreis für Literatur erhielt der "Sohn der Dienstmagd" nicht; Mitglied der schwedischen Akademie, deren konservative Zusammensetzung, ihm suspekt war, wurde er nicht. Zeitlebens sah er sich in der mythisch überhöhten Rolle des Ausgestoßenen: Ismael ist er, Hagars Sohn, wie Ibsen ein "Stiefkind Gottes". Doch schon der Ausgangspunkt dieser Selbstdeutung ist Dichtung. Strindberg wurde nicht (wie die Autobiographie berichtet) vier Monate nach der Hochzeit der Eltern, sondern ein Jahr nach der Heirat geboren. In der Spannweite seiner rationalen und irrationalen Anlagen absorbierte er die Gegensätze der Epoche: als Individualist und Sozialist, Atheist und Mystiker, Forscher und Künstler experimentierte er mit den Standpunkten, um zu erkunden, wohin sie führen. In den achtziger Jahren erklärte er: "Die schöne Literatur ist für mich tot. Meine Intelligenz hat sich über das Stadium ästhetischer Halluzinationen hinaus entwickelt und will Realitäten studieren." In den neunziger Jahren führte ihn die "Inferno"-Erfahrung seines die Intelligenz untergrabenden Phantasielebens zur Selbstbefreiung dieses Phantasielebens in einem Symbolismus, dem er seine visionären, dichterisch bahnbrechenden Endspiele danke ("Nach Damaskus", "Traumspiel", "Gespenstersonate").

Der deutsche Leser Strindbergs muß sich mit einem relativ dürftigen Angebot zufriedengeben. Die neunbändige Werkausgabe des Langen-Müller-Verlages aus den fünfziger Jahren ist vergriffen oder doch zusammengeschmolzen auf einen Auswahlband: "Meisterdramen" (1973) mit einem sachkundigen Nachwort von Walter A. Berendson; eine biographische Chronologie, die Hauptdaten zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Dramen, die wichtigsten Literaturhinweise können dem Interessierten weiterhelfen. Der Band – zur Zeit die einzige Sammlung von Strindberg-Dramen – bringt von sechzig Dramen sechs: nicht das Jugenddrama "Meister Olof", weder historische Schauspiele noch romantische Märchenspiele (auf deren Einfluß Strindberg Hauptmanns "Hanneles Himmelfahrt" zurückführt), sondern die bekanntesten naturalistischen Trauerspiele und symbolistischen Spiele aus der Zeit zwischen 1887 und 1907 ("Der Vater", "Fräulein Julie", "Totentanz", "Nach Damaskus" [in einer sinnvoll gekürzten Bühnenfassung der umfangreichen Trilogie], "Ein Traumspiel", "Gespenstersonate"). Die Auswahl gibt einen lückenhaften, komprimierten Strindberg. Die Übersetzung von Willi Reich ist meist gut und zuverlässig; nur gelegentlich enthält sie Fehler. Wenn im dritten Akt der "Gespenstersonate" das Fräulein den Studenten nach seinem im Irrenhaus gestorbenen Vater fragt: "War er geisteskrank?", erhält sie die seltsame Antwort: "Nein, er war gesund... aber verrückt." Bei Strindberg fragt das Fräulein "War er krank?", worauf der Student erwidert: "Nein, er war gesund ... aber geisteskrank".