Der Verlag sagt über deinen Roman, er trage "stark autobiographische Züge" Warum bist du das Buch nicht in der Ich-Form geschrieben?FRANZ INNERHOFER: Die Angst, daß

Kritiker sagen könnten, ich beschreibe nur mich, die hab’ ich nicht. Aber es geht ja aus dem Text hervor... da sind viele nur angeführt, viele Personen, die ganz ein ähnliches Schicksal erfahren haben, nur es ist so, ich kenn’ mich bei mir selber besser aus als bei denen, ich kenn’ die Fremden nicht so genau. Bei denen weiß ich vieles, aber bei mir weiß ich die Bedingungen viel genauer, und ich brauch’ deswegen auch keine Angst zu haben, daß ich nur ich wäre, das können von mir aus Kritiker meinen.

Das find’ ich gut, daß du das sagst: Ich brauch’ keine Angst zu haben, daß ich nur ich wäre. Stimmst du zu, wenn man sagt, daß ein Individuum, das so viel am eigenen Leib erfahren hat wie du, je stärker und intensiver es sich in einem Buch mit diesen Erfahrungen auseinandersetzt, desto wichtigere und genauere Aussagen machen kann, und zwar nicht"nur" über sich, sondern daß dieses Ich auf Grund der weitgehenden Erfahrungen eigentlich schon sehr viel einschließt?

INNERHOFER: Ich hab’ nur diese Erfahrungen. Und wenn ich dem genauer nachgehe, die reichen aus, ich weiß nicht für wie viele Bücher. Ich hab’ in diesem Buch nicht etwas genau beschrieben, sondern mit Hundsschanden einen Zustand umrissen. Mit Hundsschanden: wenn man etwas noch gerade hinkriegt. Mich hat nicht so sehr gekümmert, was ist ein Roman, sondern ich hab’ einfach diese Sachen fix vor mir gehabt, und ich hab’ sie versucht, bestmöglich zu formulieren. Es wird sicher irgendwann notwendig sein, daß man Aspekte ’rausgreift und daß man sie doch mehr stilistisch bearbeitet, daß man sich irgendeiner Ästhetik unterwirft.

Wie würdest du den Inhalt deines Buches erzählen, wenn du einen jungen Bauern treffen würdest, der noch nie ein Buch gelesen hat und den du dazu bringen möchtest, dein Buch zu lesen? Wer ist Holl? Was geschieht? Wie fängt es an? Wie endet es?

INNERHOFER: Holl ist ein Kind. Holl ist ein uneheliches Kind und wird, weil die Mutter selber in der Landwirtschaft arbeiten muß, zu einer Familie gegeben, die kinderlos ist, kommt von dieser kinderlosen Familie nach zwei Jahren auf einen Bauernhof, zur Mutter, den Bauernhof führt die Großmutter, und dort zwei Jahre, und dann mit der Mutter weg, mit dem Stiefvater in einen anderen Ort, eine andere Umgebung, wo auch die Wohnverhältnisse ganz andere sind, dort wieder zwei Jahre, das sind bereits drei Umwelten. Ich sag’ das deswegen, weil es schon zu einer völligen Verwirrung führen muß, wenn ein Kind andauernd irgendwo ’rausgerissen und woanders hingesteckt wird. Der Holl ist mit sechs Jahren ein Bettnässer und kommt dann endgültig auf den Hof seines Vaters, weil der Vater einerseits ihn einspannen will zum Arbeiten, andererseits die Mutter auch andere Kinder hat und die Wohnung so klein ist und der Stiefvater wenig verdient. Da gibt’s dann plötzlich diesen großen Bauernhof, und es gibt diese vielen Menschen. Der Vater kommt nicht zurecht mit einem so schwierigen Kind, und er wendet einfach das alte Mittel an: Prügeln, so wie es bei ihm war und wie es auch mit den andern Kindern gemacht wurde, deswegen akzeptiert ein Mensch wie Holl, ein Kind wie Holl, natürlich den Vater um so weniger, und die Kluft ist von allem Anfang an vorhanden. Gut, da ist eine Stiefmutter. Daß eine Stiefmutter für ein fremdes Kind, das noch dazu Bettnässer ist, weniger Gefühle übrig haben wird, müßte sich auch erklären lassen, so ist also dieses Kind mitten drinnen und will eigentlich immer, nur weg, kann aber nicht weg, weil es immer wieder zurückgebracht wird. Es sind nicht nur der Bauer, die Bäuerin, es sind andere auch noch da, die einfach in einem Dorf wesentlich sind, es sind diese alten Funktionen, die man sowieso kennt: Pfarrer, Schuldirektor, die auch noch mitwirken, sogar die Gendarmerie auch noch, so daß man letzten Endes nicht aus kann. Deswegen habe ich auch den Begriff "Leibeigener" gebraucht.

Praktisch beschreibst du ein Bauernbewußtsein, du schreibst einen Bauernroman ...