Groteske, makabre, schwankhafte Motive mischen sich in dieser Geschichte vom pflichtbewußten peruanischen Hauptmann Pantaleon, dem eine heikle Mission im tropischen Amazonasgebiet zugewiesen wird, nämlich die Frauen und Mädchen der Dörfer vor der hemmungslosen Sinneslust der Soldaten zu schützen, indem er für diese Staatsdiener einen reisenden Puff organisiert, der den Bedürfnissen männlicher Naturen eine geregelte Befriedigung sichert. Gerade weil Pantaleon ein so muster- und tugendhafter Offizier ist, eignet er sich nach Meinung der höchsten Stellen für diese Aufgabe, für die er sich – zum Verdruß auch der Gattin und der Mutter – als Zivilist tarnen muß und Geheimnisträger ist. Das ist aber nur eines der Motive aus dem neuen Roman des achtunddreißigjährigen

Mario Vargas Llosa: "Der Hauptmann und sein Frauenbataillon", Roman, aus dem Spanischen von Heidrun Adler; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1974; 288 S., 28,– DM.

Ein anderes Motiv ist der Erfolg eines Predigers, der den Akt der Kreuzigung stets erneuern heißt, was mit allerlei Getier beginnt, mit Kleinkindern und alten Weibern weitergeführt wird, bis sich der Prediger selber von seiner inbrünstigen Gemeinde an einen Baum nageln läßt. Inzwischen hat sich der Hauptmann, der ein guter Organisator ist, seinem anfangs unfroh übernommenen Auftrag mit Leidenschaft zugewendet; seine Leidenschaft geht auch ins Private, zu einer der verführerischsten "Hilfsdienstlerinnen" dieses Frauenbataillons, und die Armeeführung stellt mit Schrecken fest, daß keine ihrer Abteilungen sich so expansiv entwickelt wie diese, so daß der Erfolg zu einer öffentlichen, nicht mehr zu tarnenden Peinlichkeit wird und zur Abschaffung des Bataillons zwingt.

Das könnte eine Farce mit eigentümlichem Kolorit sein, ist aber mehr, denn im abrupten Springen von einem Schauplatz zum anderen, in der knappen, aber charakteristischen Unterschiedlichkeit der Stimmen und Ausdrucksweisen ist mit sparsamen Mitteln ein höherer Humor erreicht. Vargas Llosa ist hier mit den vertracktesten Humoristen unserer Zeit zu vergleichen – Evelyn Waugh, Marcel Aymé, Günter Kunert.

In einem Gespräch mit Günter W. Lorenz ("Dialog mit Lateinamerika", 1970) hat Vargas Llosa gesagt: "Mir kommt es so vor, als ob meine literarischen Projekte einen Fehler hätten. Sie wuchern zu sehr, sie magern nicht ab, sie werden mit der Zeit immer fetter." Im Blick auf seine eigene Entwicklung ist der Schriftsteller dabei ein schlechter Prophet gewesen: Sein neuer Roman ist mager, mit bemerkenswerter Ökonomie der Mittel gestaltet. Von der Schwierigkeit, lateinamerikanische Autoren hierzulande bekannt zu machen, ist bei diesem zugleich subtil und drastisch unterhaltenden Roman nichts zu spüren. Eine meisterliche Erzählung. François Bondy