Die Bilanz, die ich während einer Mittelmeerreise über die ersten 8 Monate meiner Staatssekretärzeit zog, war der Sache nach eine erfreuliche, denn ich konnte mir sagen, daß ich meinen Teil beigetragen hatte zu dem friedlichen Ablauf der tschechischen Krise, mehr freilich durch mein Verhältnis zu den auswärtigen Vertretern in Berlin als zu meinem eigenen Minister. Von letzterem trennte mich, seitdem ich seinen Willen zum Krieg verspürte, eine gründliche Meinungsverschiedenheit, die H. v. Ribbentrop mich immer mehr empfinden ließ. Meinen Vorschlägen in Fragen der großen Politik brachte er fast instinktiv Mißtrauen entgegen. Er drängte mich geradezu dahin, auf anderen Wegen zu verfolgen, was ich für richtig hielt. Ich mußte mir daher die Frage vorlegen, ob es nicht besser sei, meinen Posten aufzugeben.

In ruhigen Stunden angesichts des Mittelländischen Meeres kam ich zu dem Ergebnis, daß so, wie im Sept. 1938, es mir vielleicht doch auch in Zukunft gelingen könnte, kraft meiner Stellung als Staatssekretär zum Frieden beizutragen. Der Gedanke an drei Söhne und einen Schwiegersohn, die ich ins Feld zu stellen hatte, bestärkte mich in dem Entschluß zu einem neuen Versuch. Anfang Dezember bei Rückkehr nach Berlin, nahm ich den Stier bei den Hörnern. Das Ergebnis war, daß H. v. Ribbentrop sich in allgemeinen Redensarten über eine angebliche Verstimmung des Führers über mich erging, der er zu meinen Gunsten habe entgegentreten müssen. Ich bot kühl an, mich zu disponieren. Das Ergebnis war, daß R. nie wieder darauf zurückkam und die Geschäfte so wie bisher weiterliefen.

Heute besinne ich mich, ob ich nicht doch damals hätte gehen sollen. Mein Name ist unweigerlich verknüpft mit dem Vorgang, den ich heute, Mitte Okt. 1939, als die vielleicht unvermeidliche, jedenfalls größte und unentschuldbarste Katastrophe der neueren deutschen Geschichte betrachte. Denn daß der 1. 9. 1939 alles in Frage stellt, was mir in Deutschland liebenswert ist und wofür ich arbeiten zu müssen glaubte, steht für mich fest.

Auch später noch einmal im Mai 1939 und wiederholt kurz vor dem Kriegsausbruch im August 1939 bot ich meinen Posten an, bzw. bat ich wie-, derholt darum, mich davon zu befreien. Letzteres wurde mir vom Führer versagt. Doch ich will nicht vorgreifen.

Nachdem Sudetendeutschland zum Reich getreten und die Tschechei zur Ohnmacht verurteilt war, blieb als wichtigster und wohl einziger territorialer Anspruch des Reiches Danzig und die Verbindungsbrücke nach Ostpreußen übrig. Ich benützte meine erste sachliche Aussprache mit H. v. Ribbentrop im Dezember 1938, um ihn von dem tschechischen Problem ab und auf das Nord-Ostproblem, das polnische, hinzulenken. Er selbst schwankte, da er nicht wußte, wo hinaus der Führer wollte. Immerhin wurde im A. A. um die Weihnachtszeit ein Freundschaftsvertrag mit der Tschechei ausgearbeitet. Diesen Vertrag hätte die Tschechei ohne Zögern unterschrieben. Mit ihm hätten wir die Tschechei eingesponnen und in der Hand gehabt, ohne die Last der Verwaltung dieses komplizierten fremden Völkersplitters. Auch Ribbentrop schien eine Zeitlang diesen Weg gehen zu wollen. Ohne nähere Begründung war es dann bald anders. Der Entwurf verschwand im Aktenschrank. Die nicht gehabte Rache an den Tschechen, wie der Führer es in meiner Gegenwart einmal ausdrückte, sollte nunmehr anscheinend doch im Frühjahr kommen.

Je länger, je mehr fand ich diesen Weg einen unglücklichen. Denn er war der große Knick in der bisher so erfolgreichen Terminologie des III. Reiches, daß Deutsche zu Deutschen wollen. Das Münchener Abkommen war ja nur möglich, weil die Westmächte gegen das Selbstbestimmungsrecht keine Kriegsparole fanden; hiervon abzuweichen und die Schwüre, wir seien saturiert, so schnell zu vergessen, mußte Herrn Daladier und Chamberlain zu den Düpierten machen und unseren Kredit, soweit vorhanden, vollends aufbrauchen. Solchen Argumenten war H. v. Ribbentrop aber wenig zugänglich. Er hüllte sich dann in Schweigen und überließ den Soldaten das Feld, deren rein strategisches Kalkül die Grundlage der Reichspolitik im März 1939 abgab, wie ich mich durch ein Gespräch mit H. v. Brauchitsch überzeugen konnte.

Konnten uns Rücksichten auf England oder Italien hiervon abhalten? Während im Sommer 1938 das Problem offen zutage lag und unter ständiger Diskussion war, blieb diesmal unsere Absicht ganz verschleiert. Der britische Botschafter kam nach monatelanger Krankheit erst im Februar wieder nach Berlin zurück. Er war voll guten Willens, aber auch voll guten Glaubens. Er hielt einen Coup wie den bevorstehenden vom 15. März für ausgeschlossen. Hätte er an ihn geglaubt, so wäre seine Regierung nicht eingeschritten, wie sie es durch ihre Stellungnahme am Einmarschtage in die Tschechei bewies. Durch das Verfahren mit Herrn Hacha in der berühmten Nacht vom 14./15. März hatte Deutschland ja auch die äußeren Anstandsregeln gewahrt.