Die Baukosten für das Kongreßzentrum am Funkturm wachsen ins Uferlose

Die Berliner SPD-Abgeordneten scheinen Angst vor der Courage des SPD-Senats zu bekommen. In dieser Legislaturperiode, so heißt es, werde man über den Baubeginn des Kongreßzentrums kaum mehr beschließen. Fraktionsvorsitzender Wolf gang Haus: "Es wird nur zugestimmt, wenn die Kostenrechnung hieb- und stichfest ist." Und über die Kosten des Kongreßzentrums, das neben dem Ausstellungsgelände am Funkturm gebaut werden soll, gibt es, fünf Jahre nach Planungsbeginn, nur kühne Vermutungen.

Der vom Senat beauftragte Bauträger, die gewerkschaftseigene "Neue Heimat", nennt 542 Millionen Mark, die zu 80 Prozent durch ordnungsgemäße Ausschreibung und für den Rest durch Schätzungen ermittelt seien. Hinzu kommen 67 Millionen Mark für sehr komplizierte Tiefbauarbeiten, weil das Kongreßzentrum inmitten von Bahngleisen, Autobahnabfahrten und Versorgungsleitungen errichtet werden soll. Der Berliner Finanzsenator Striek dagegen meint, diese Kosten seien um 100 bis 150 Millionen Mark zu hoch. Weil aber die Prüfung der Kostenrechnung noch nicht abgeschlossen ist, wollte Striek vor dem Abgeordnetenhaus nicht einmal verbindlich zusagen, daß die Baukosten unter einer Milliarde Mark bleiben.

Daß das Kongreßzentrum am Ende mindestens 700 Millionen Mark kosten wird, ist keine sehr wagemutige Schätzung. Und jede weitere Verzögerung des Baubeginns wird die Kosten ebenso aufblähen wie aufwendige Neuplanungen. Deshalb kann mit dem Zögern der SPD, grünes Licht für die Grundsteinlegung im nächsten Frühjahr zu geben, nur die Berliner FDP zufrieden sein. Denn sie empfiehlt ohnehin, ganz auf das neue Kongreßzentrum zu verzichten. Alle anderen Berliner Parteien und die Berliner Wirtschaft sind sich indes darüber einig, daß Berlin ein neues Kongreßgebäude braucht. Die 1956/57 im Tiergarten erbaute Kongreßhalle ist längst zu klein geworden, sie liegt zu weit vom Stadtkern entfernt und ist obendrein organisatorisch wie gastronomisch reichlich miserabel geführt. Größere Kongresse fanden in den letzten Jahren unter primitiven Umständen in den Ausstellungshallen statt.

Die Frage ist nur, ob das neue Kongreßzentrum so groß und so teuer sein muß. Der geplante Komplex soll einschließlich aller Nebenräume rund tausend Räume haben. Er wird so hoch werden wie das Funkturm-Restaurant. Der große Kongreßsaal soll 5000 Plätze haben, die zweifellos für einige große Kongresse benötigt werden. Sehr aufwendig sind auch die Dachkonstruktion und die sehr großen Spannweiten in den Sälen. Schließlich wissen heute auch alle Beteiligten, daß man sich die teuren Tiefbauarbeiten hätte sparen können, wenn das Kongreßzentrum ein paar hundert Meter weiter westlich des Ausstellungsgeländes errichtet worden wäre. Für diese Erkenntnis ist es nun aber zu spät. Die Tiefbauarbeiten sind in vollem Gange, und das am Kongreßzentrum anschließende Parkhaus ist bereits im Rohbau fertig: Es soll zunächst als Materiallager und Baubüro dienen.

So wird man wohl weitermachen müssen. Jedes Jahr Verzögerung verursacht nach Angaben der Architekten Mehrkosten von 50 Millionen Mark. Jede Umplanung kostet Zeit und noch mehr Geld, Die "Neue Heimat" meint, die Kosten, die dem Senat zu hoch erscheinen, seien durch die komplizierte Konstruktion bedingt. Sie selbst habe Vereinfachungen vorgeschlagen, mit denen 94 Millionen Mark eingespart werden könnten.

Die Frage bleibt, ob solche Mammutprojekte nicht weniger aufwendig, schneller und doch zugleich sorgfältiger geplant werden können. Für die Großzügigkeit im Umgang mit öffentlichen Mitteln liefert gerade die Berliner Polizei ein neues Beispiel: Sie wünscht ein neues Präsidium für 500 Millionen Mark. Die Frage, ob der leerstehende Steglitzer Kreisel oder die leerwerdenden Flughafengebäude in Tempelhof nicht durch Umbauten für den gleichen Zweck hergerichtet werden könnten, hat bislang niemand ernsthaft geprüft. Joachim Nawrocki