Von Jens Friedemann

Saudi-Arabien, reichstes unter den reichen Ölländern, erhielt Besuch aus Bonn. Nach zahlreichen Anläufen und etlichen Terminschwierigkeiten reisten Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs, Staatssekretär Rohwedder sowie 17 Top-Manager von Rhein und Ruhr am 4. November nach Riyad. "Wir erwarten die Deutschen mit ganz besonderen Hoffnungen, ja sogar mit einem gewissen Enthusiasmus", hatte Ölminister Yamani verkündet. Doch als Industrie- und Handelsminister Al-Awadi Minister Friderichs ("Wesir Aleman") und sein Gefolge am Flughafen in lauer Sommerluft empfing, waren den Deutschen bereits dreißig ausländische Delegationen zuvorgekommen.

Hunderte von international bekannten Firmen, Architekten, Ingenieuren, Bankiers und Glücksrittern schlagen sich bereits um die lukrativen Aufträge aus dem Wüstenstaat, dessen neuester Entwicklungsplan das unterentwickelte Land in wenigen Jahren in einen modernen Industriestaat verwandeln soll. 150 Milliarden Mark will König Faisal, Herr über 8,4 Millionen Einwohner, bis 1980 in einem Aufbauplan für die Industrialisierung, die Entwicklung der Landwirtschaft, und die Errichtung einer leistungsfähigen Infrastruktur im eigenen Lande ausgeben.

Die Superreichen aus der Wüste, die in diesem Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar aus dem Ölexport einnehmen werden, können es sich leisten, wählerisch zu sein. So ließen sie die meisten der Delegationen wieder abblitzen, dann nämlich, wenn sich herausstellte, daß deren Pilgerfahrt weniger der Entwicklung des Wüstenstaates, sondern mehr dem eigenen Drang nach den Schätzen des Orients – billiges Öl und günstige Kredite galt.

Ausnahmen machten bisher lediglich die Amerikaner und die Franzosen, die grünes Licht für umfangreiche Waffenlieferungen gaben und Öl gegen "know how" und Fabriken tauschen wollen. Nach ihrer Abreise wartete man in Saudi-Arabien gespannt auf die Deutschen, die "weder an Waffenlieferungen noch an Staatsverträgen über Öl interessiert sind" (Minister Friderichs). Um so mehr überraschte der schnelle Abschluß der ersten Verträge mit deutschen Unternehmen.

Veba-Chef von Benningsen-Foerder gab am vergangenen Wochenende den Abschluß eines über drei Jahre laufenden Liefervertrages über insgesamt zwölf Millionen Tonnen Rohöl bekannt, Richard Weidle, Vorsitzender des Verbandes unabhängig beratender Ingenieursfirmen wird voraussichtlich noch in dieser Woche einen 500-Millionen-Mark-Auftrag zur Planung und Durchführung von drei olympiareifen Schwimmbädern erhalten. Willy Korf, Chef des gleichnamigen Stahlkonzerns, hat gute Aussichten, eines seiner neuartigen Direktreduktionswerke für Stahl in der Nähe von Akkaba errichten zu dürfen.

Mit welchem Tempo die Saudis ihr Land modernisieren wollen, macht ihr Hunger nach Beton deutlich. "Wir wurden gebeten, Angebote über die sofortige Lieferung von in Deutschland produziertem Zement und für neue Zementfabriken vorzulegen", berichtete Minister Friderichs. Um rasch und in ausreichender Menge beliefert zu werden, wollen die Saudis am liebsten eine Zementfabrik in der Bundesrepublik aufkaufen, die ausschließlich für ihren Bedarf produzieren soll. Der Zementbedarf liegt derzeit bei 800 000 Tonnen. Das Wüstennreich verbraucht jährlich zwei Millionen Tonnen, seine eigenen Fabriken stoßen derzeit aber nur 1,2 Millionen Tonnen aus, und der Bedarf steigt rasant.