Von Hannes Elster

Arbeitsmediziner, die man nach der Realisierbarkeit des neuen Werksärztegesetzes fragt, reagieren meist mit mitleidiger Heiterkeit oder meinen, man solle doch in zehn Jahren mal wieder anfragen. Fast alle finden die Absichten des Bonner Gesetzgebers zwar edel – aber auch unrealistisch. Die Berufsgenossenschaften – Drehscheibe für die Durchführung der meisten arbeitsmedizinischen Bestimmungen – glauben nicht, daß die neuen Vorschriften schon in den nächsten fünf Jahren Praxis werden, sondern rechnen mit einer Übergangszeit von zehn Jahren.

Tatsächlich ist die heutige Situation der werksärztlichen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland düster: 27 Millionen Erwerbstätigen steht ein Häuflein von 500 bis 600 Werksärzten gegenüber – einer für 33 750 berufstätige Menschen. Und diese Rechnung schmeichelt noch; denn weitaus die meisten Werksärzte arbeiten in der Großindustrie, im Hauptwerk der BASF allein 21. In der mittelständischen Industrie ist der Werksarzt so gut wie unbekannt, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Betrieben, obwohl hier erfahrungsgemäß Sicherheitsvorschriften kaum beachtet werden; nicht aus Bosheit, sondern weil niemand da ist, der die zahllosen Vorschriften kennt und sie anwenden kann.

Die Berufsgenossenschaften rechneten hoch: Eine halbe Stunde ärztliche Versorgung jährlich für jeden Beschäftigten würde einen Werkarzt auf 3000 Arbeitnehmer bedeuten; mithin 9000 arbeitsmedizinisch ausgebildete Ärzte, die im Betrieb hauptamtlich, neben ihrer freien Praxis oder in überbetrieblichen Werksarztzentren, die das Gesetz vor allem für kleinere Betriebe vorsieht, gegen die Flut von Gefahren am Arbeitsplatz ankämpfen.

So etwas läßt sich aber nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Deshalb sah der Gesetzgeber von vornherein Übergangsregelungen vor, die auf dem Gedanken basieren, daß die Berufsgenossenschaften das Heft in der Hand haben. Sie bestimmen durch Verordnungen, welche Betriebe einem werksärztlichen Dienst angeschlossen werden müssen, wobei sie sich natürlich an realistische Vorstellungen halten. Durch diesen Trick erreichte man, daß es zwar ein Gesetz gibt, daß dieses Gesetz aber dennoch nicht "richtig" gilt, weil es erst über den Verordnungsmechanismus in Gang gebracht werden muß. Und gerade darin sehen nun viele Arbeitsmediziner eine Gefahr: daß nämlich die bloße Existenz des Gesetzes für dessen Erfüllung gehalten wird.

Das bisherige Berufsbild des Werksarztes orientierte sich an den Einrichtungen der Großindustrie, an deren klinikähnlichen Ambulatorien mit meist mehreren Ärzten; teils auch mit angegliedertem Forschungspersonal wie etwa bei der BASF. Die Tätigkeitsmerkmale eines Werksarztes werden von seinem jeweiligen Arbeitsplatz vorgegeben. Sie richten sich zum Beispiel danach, ob der arbeitende Mensch gefährlichen Substanzen, etwa Lösemitteln, ausgesetzt ist, deren Konzentration in der Atemluft überwacht werden muß. Der Werksarzt soll die Lärmschutzvorrichtungen kontrollieren, soll darauf achten, daß körperlich schwere Arbeit nicht noch zusätzlich in feuchtheißer Luft verrichtet wird. Er soll eingreifen, wenn etwa das Büropersonal auf Sesseln sitzt, die die Wirbelsäule verwinden. Er soll helfen, daß Arbeitnehmer nach einem Unfall oder einer Berufskrankheit wieder voll und ganz in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden können.

Wogegen sich verantwortungsbewußte Werksärzte schon seit Jahren wehrten – nur kosmetisches Instrument der Manager zu sein –, das soll das neue Gesetz verhindern. Der Spielraum der Betriebsärzte ist wesentlich größer geworden. Der Wunsch, ihnen auch das komplette Behandlungsrecht gegenüber den Betriebsangehörigen zu geben, wurde durch den Bundestag jedoch nicht erfüllt. Nur in Holland ist der Werksarzt gewissermaßen auch ein "ganzer" Arzt: Er darf nicht nur eine Diagnose stellen, sondern auch behandeln. In allen anderen EG-Staaten darf das der Werksarzt nicht – abgesehen von der Erst- oder Notbehandlung. Doch die Praxis der großen Werksambulatorien ist längst über dieses strikte Behandlungsverbot hinweggegangen.