Gerd Carow, leitender Werksarzt bei Opel und gleichzeitig Geschäftsführer des Verbandes der Werksärzte: "Selbstverständlich behandeln wir einen kranken Belegschaftsangehörigen – und zwar mit allem, was er braucht. Natürlich müssen wir dabei einen Mittelweg wählen – Pendler zum Beispiel werden bei uns im Werk behandelt, bis sie wieder gesund sind. Die Ärztekammern tolerieren das. Schließlich haben wir die gleiche Hilfeleistungspflicht wie unsere frei praktizierenden Kollegen."

Die Bezeichnung "Arbeitsmediziner" erwirbt ein Arzt, der entweder fünf Jahre nebenberuflich oder drei Jahre hauptberuflich Werksarzt gewesen ist. Das ist die Übergangsregelung bis 1975. Daneben gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, einen dreimonatigen Kurs bei einer Akademie (siehe Kasten) zu besuchen, dem eine neunmonatige Assistenztätigkeit bei einem anerkannten Werksarzt/Arbeitsmediziner folgt. Die Berufsbezeichnung "Arbeitsmediziner" wird dann von der Ärztekammer verliehen. Die Facharztanerkennung als Arbeitsmediziner ist aber nach wie vor strittig. Weil jetzt sehr schnell sehr viele Werksärzte gebraucht werden, findet sich im neuen Werksärztegesetz der Passus, daß für eine Übergangszeit auch erfahrene Ärzte als Werksärzte eingestellt werden können, die einen 14tägigen Kurs bei einer der beiden arbeitsmedizinischen Akademien absolvierten.

Ärzte, die sich als Werksärzte anstellen lassen, wollen, werden händeringend gesucht. Inzwischen hat die Privatwirtschaft entdeckt, daß die Sache mit der Arbeitssicherheit ein prächtiges Geschäft sein kann. In Berlin gibt es zum Beispiel die "medico-leasing", eine von Banken getragene Firma, die komplette überbetriebliche Facharztzentren anbietet – inklusive der Möglichkeit, daß die Firma selbst das Zentrum betreibt. In Berlin-Wedding steht man kurz vor der Gründung des ersten derartigen Zentrums.

Solche Aktivitäten lagen sicherlich nicht im Sinne des Gesetzgebers, als er kleineren Betrieben die Möglichkeit eröffnete, sich überbetrieblichen Werkarztzentren anzuschließen. Vielmehr dachte man im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung an die Möglichkeit, den Berufsgenossenschaften die Trägerschaft solcher Zentren zumindest nahezulegen. Und tatsächlich arbeiten auch die Berufsgenossenschaften an der Gründung solcher Zentren – gebremst durch den Mangel an Werksärzten. "Hätten wir mehr Ärzte, die geeignet sind, wären wir schon viel weiter", meint man bei der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten in Mannheim, die für den ganzen Bereich Baden die überbetrieblichen Werksarztzentren vorbereitet. Am 1. Januar 1975 soll das erste Zentrum in Mannheim stehen, drei Ärzte sind schon verpflichtet. Und man hofft auf die Betriebsräte der mittelständischen Industrie: Von dort soll der Druck kommen, daß sich die Betriebe den Einrichtungen der Berufsgenossenschaften anschließen – und nicht denen der freien Träger.

Ob private oder berufsgenossenschaftliche Zentren, ob angestellte Werkärzte oder frei verpflichtete: Teuer sind die Medizinmänner allemal. Unter 5000 Mark im Monat ist auch kein durch den 14tägigen Schnellkurs gejagter Allgemeinpraktiker zu haben. Für einen gestandenen Arbeitsmediziner sind mindestens 75 000 Mark im Jahr fällig; das Argument, das gelegentlich in Arztkreisen zu hören war – man verkaufe sich unter Preis, wenn man in den Betrieb gehe –, sticht also nicht mehr. Arbeitsmediziner gehören heute zu den Raritäten auf dem Arbeitsmarkt, was, nebenbei gesagt, ja auch die Verhandlungsposition fördert – und nicht zuletzt das etwas altväterliche Image des Werksarztes gehörig aufpoliert.