Acht unveröffentlichte, abgeschlossene Gedichtbände hinterließ der chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda, als er im September letzten Jahres starb. Sieben von ihnen sind nun in Buenos Aires publiziert worden. Erstmals in deutscher Sprache bietet der folgende Beitrag Proben aus diesem reichen Nachlaß.

Nur ein halbes Jahr vor dem umfinsterten Ende des Dichters, wenige Monate vor der gewaltsamen Beseitigung des chilenischen Sozialismus, war in Santiago der letzte Lyrikband erschienen, den Neruda noch selber hatte zum Druck geben können: "Incitación al Nixonicidio y alabanza de la Revolucion Chilena" (Anstiftung zum Nixonmord und Lob der Chilenischen Revolution). Die Vehemenz der Anklage, die in den schlicht und schlagend gereimten Versen erhoben wurde, und die Inständigkeit, Dringlichkeit der Beschwörung, die sechzigtausendfach – in billigster Massenauflage – das Gehör des Volkes zu erreichen suchte, machen schneidend klar, wie angstvoll der Autor sich der Situation seines Landes bewußt war. Was er da schrieb, wirkt aus heutiger Sicht als der verzweifelte Versuch, eben das zu verhindern, was im September 1973 geschah. Der Bedrohung von außen, durch CIA und ITT, und der Gefährdung von innen, durch irre Extremisten von rechts und links ("locos y locuelos"), begegnet Neruda mit gezielter Schmähung und zugleich mit dem Aufruf zur Einigkeit, zur Vermeidung des Bürgerkrieges, zur Verteidigung dessen, "was das Volk errungen" hatte.

Nicht die USA erscheinen als Feind, sondern die übermächtigen Repräsentanten einer pervertierten Tradition. Walt Whitman wird gleich zu Beginn angerufen als Bruder, als Verbündeter im Kampf gegen die Verräter amerikanischer Ideale: Denn diejenigen, die Lincoln ermordeten, "ihn stürzten vom Amtsstuhl aus duftendem Holz", haben sich einen Thron errichtet, "der bespritzt ist von Leid und Blut". Und zum Schluß stimmt der Autor der Gegenwart ein in die "patriotische" Hymne Ercillas, des Dichters der "Araucana" (1533–1594), in das Lob des Landes Chile – "niemals fremder Herrschaft unterworfen".

Die "Anstiftung" sollte nicht Terror provozieren. "Nixonicidio" ist zwar der Gegenbegriff, die erbitterte Antwort auf den Genozid, den Nixon in Vietnam begangen hat. In der knappen Erklärung, die der Dichter diesem rasenden Pamphlet (das zugleich eine Liebeserklärung ist: cántico y castigo – Lobgesang und Strafgericht) vorausgeschickt hat, bekennt er sich eindeutig als "entschlossener Gegner des Terrorismus": "... nicht nur, weil er fast immer mit verantwortungsloser Feigheit und anonymer Grausamkeit praktiziert wird, sondern weil seine Folgen wie fliegende Dolche zurücksausen und das Volk verwunden, das von nichts etwas gewußt hat."

Zweck des Buches ist die Hinrichtung Nixons mit den Mitteln der Poesie, allein mit ihnen. Denn, so erklärt Neruda: "Nur die Dichter sind fähig, ihn an die Wand zu stellen, ihn völlig zu, durchlöchern mit den tödlichsten Terzinen. Pflicht der Dichtung ist es, kraft der Salven von Reim und Rhythmus, ihn in einen Drecklappen zu verwandeln, den niemand mehr vorzeigen mag."

Das Stirnrunzeln der Ästheten wehrte er im voraus ab: "...sie sollen sich dran den Magen verderben! ... Ich habe keine andere Wahl: gegen die Feinde meines Volkes ist mein Gesang hart und verletzend wie araukanischer Stein." Die Ermordung des verfassungstreuen Generals Schneider hatte ihn verstört und empört. Nicht auf die Dauer, auf die unmittelbare Wirkung seiner Worte kam es ihm an: "Das mag ein Augenblicksdienst sein. Aber ich leiste ihn ... Ab und zu muß ich ein Barde von öffentlichem Nutzen sein."

Was er im Blick auf Nixon erreichen wollte, hat der Spruch des Watergate-Ausschusses im Repräsentantenhaus inzwischen hinreichend bewirkt. Der Nutzen, den Neruda für das chilenische Volk erhoffte, ist durch den Gewaltstreich der Militärs zunichte gemacht worden.