Alistair MacLean und seine sauberen Romane

Von Hans C. Blumenberg

Mit Volldampf voraus stampft die "S. S. Morning Rose" durch die arktische Nacht, dem Unheil entgegen. An Bord des altersschwachen Trawlers befindet sich eine Assemblee von höchst sinistren Zeitgenossen, die sich überwiegend mit herzlichem Haß begegnen: Mitglieder eines Filmteams, das auf der unwirtlichen Bäreninsel Außenaufnahmen drehen will. Bald schon stellen sich die ersten Todesfälle ein, Angst und Hysterie vergiften die ohnehin gespannte Atmosphäre. Nur der Schiffsarzt bewahrt britische Ruhe und macht sich mit unverdrossener Rechtschaffenheit an die Aufklärung der verwickelten Affäre.

Jener wackere Doktor, der da ebenso humorig wie schlagkräftig das Rätsel der Bäreninsel löst, ist der Held des jüngsten Buches von –

Alistair MacLean: "Die Insel", Roman, aus dem Englischen von Werner von Grünau; Lichtenberg Verlag, München, 1974; 304 S., 24,80 DM.

Geübte Leser des schottischen Bestseller-Fabrikanten wird es kaum überraschen, daß sich der Arzt zum guten Schluß als Geheimagent Ihrer britischen Majestät erweist, der für Queen & Country die gestörte Ordnung nachdrücklich wiederherstellt. Denn Agenten der Obrigkeit, rauhe Soldaten und edle Spione, stehen allemal im Mittelpunkt der Romane des ehemaligen Marineoffiziers MacLean, der sich nach dem Krieg als Kunstlehrer in Glasgow seinen Lebensunterhalt verdiente, bevor ihm 1955 mit dem Seekriegsroman "H. M. S. Ulysses" (Die Männer der Ulysses) der erste große Bucherfolg gelang.

Seitdem hat sich der 1923 geborene Autor auf die Fabrikation von griffigen Action-Thrillern spezialisiert; die mit schöner Regelmäßigkeit im angelsächsischen Sprachbereich Bestseller-Auflagen erleben und auch hierzulande einigermaßen erfolgreich sind. Die Hartnäckigkeit, mit der sich MacLean an der Spitze hält, mutet auf den ersten Blick erstaunlich an. Denn auch und zumal seine berühmtesten Bücher, kompakte Kriegsabenteuer wie "The Guns of Navarone" (Die Kanonen von Navarone) und "Where Eagles Dare" (Agenten sterben einsam), kommen sprachlich wie ideologisch kaum über das Niveau von Landserheften hinaus.