Der Montag war nicht nur in der Scharaschka Mawrino, sondern in der ganzen Sowjetunion der vom Zentralkomitee der Partei angeordnete Tag für politische Schulung. An diesem Tag setzten sich sowohl die Schüler der oberen Klassen, als auch die Hausfrauen in ihren Mietskasernen, die Veteranen der Revolution und die weißhaarigen Akademiemitglieder von sechs bis acht Uhr abends auf die Schulbank und schlugen ihre Aufsätze auf, die sie am Sonntag ausgearbeitet hatten (nach dem unabänderlichen Willen des großen Führers und Lehrers wurde von den Bürgern nicht nur verlangt, die Antworten auswendig zu lernen, sie mußten auch eigenhändig geschriebene Aufsätze vorweisen).

Die Geschichte der Partei neuen Typs wurde tiefschürfend behandelt. Jedes Jahr vom 1. Oktober an wurden die Fehler der Narodniki, die Fehler Plechanows und der Kampf Lenins und Stalins gegen den Ökonomismus, den legalen Marxismus, den Opportunismus, die Nachtrabpolitik, den Revisionismus, den Anarchismus, Otsowismus (die Amtsenthebung von Parteimitgliedern), gegen das Liquidatorentum, das Gottsuchertum und die Rückgratlosigkeit der Intelligentsia studiert. Ohne Rücksicht auf Zeitverlust wurden die Paragraphen des Parteistatuts, die vor einem halben Jahrhundert beschlossen (und seitdem schon längst abgeändert) worden waren, der Unterschied zwischen der alten und der neuen Zeitung "Iskra", dem "einen Schritt voran und den zweien zurück" und der Blutsonntag erläutert. Doch dann gelangte man zum berühmten vierten Kapitel des "Kurzen Lehrgangs" der KPdSU, in dem die Grundlagen der kommunistischen Ideologie dargelegt wurden, und – aus irgendeinem Grunde blieben alle Zirkel bei diesem Kapitel schmählich stecken. Da man dies jedoch nicht durch die Fehler oder den Wirrwarr im dialektischen Materialismus oder durch die Unklarheit der Darstellung seitens des Verfassers erklären konnte (das Kapitel hatte der beste Schüler und Freund.Lenins geschrieben), bestand der einzige Grund in der Unfähigkeit der rückständigen, unwissenden Massen, dialektisch zu denken, und in dem unvermeidlichen Frühlingsanfang. Im Mai, als das Studium des vierten Kapitels auf seinem Höhepunkt war, kauften sich die Werktätigen dadurch frei, daß sie Staatsanleihen unterschrieben, und die politische Schulung wurde eingestellt.

Wenn sich aber im Oktober die Zirkel wieder versammelten, mußte man – trotz des unmißverständlichen großmütigen Wunsches des Großen Steuermannes, man möge schnell zu den brennenden Gegenwartsfragen und ihren Mängeln und Widersprüchen übergehen – berücksichtigen, daß die Werktätigen im Laufe des Sommers alles total vergessen hatten, daß das Vierte Kapitel nicht zu Ende durchgenommen war, und die Propagandisten wurden angewiesen, wiederum bei den Fehlern der Narodniki, den Fehlern Plechanows, dem Kampf gegen Ökonomismus und legalen Marxismus anzufangen.

So lief es überall jahraus, jahrein. Die heutige Lektion in Mawrino zum Thema "Der dialektische Materialismus – Die fortschrittliche Weltanschauung" war gerade dadurch wichtig und interessant, daß sie dem Vierten Kapitel auf den Grund gehen, auf das blendend geniale Werk Lenins "Materialismus und Empiriokritizismus" zu sprechen kommen sollte, wobei, den Teufelskreis durchbrechend, die Partei- und Komsomol-Zirkel auf den sicheren Pfad der Gegenwart hinausgeführt werden sollten, das heißt zum Thema des Kampfes und der Arbeit unserer Partei während des ersten imperialistischen Krieges und der Vorbereitung der Februarrevolution.

Und noch etwas war für die freien Lagermitarbeiter von Mawrino an dieser Vorlesung anziehend: Man brauchte keine Aufsätze (wer einen geschrieben hatte, konnte ihn für den nächsten Montag zurücklegen, und wer ihn noch einmal durcharbeiten wollte, der konnte es später machen). Und was daran noch verlockend war: der Vortrag wurde nicht von einem einfachen Propagandisten, sondern vom Lektor des Gebietskomitees der Partei Rachmankul Schamsetdinow gehalten. Bei seinem Rundgang durch die Labors vor dem Mittagessen hatte Stepanow ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Lektor begeisternd sprechen würde. (Jedoch selbst Stepanow wußte eins nicht: Schamsetdinow war ein guter Freund Mamulows, nicht des Mamulow aus dem Sekretariat Berijas, sondern des zweiten Mamulow, seines leiblichen Bruders, der Leiter des Lagers in Chowrino war, das für einen Rüstungsbetrieb arbeitete. Dieser Mamulow hielt sich ein Leibeigenentheater mit ehemaligen Moskauer und jetzt inhaftierten Schauspielern, die ihn und seine Tischgenossen zusammen mit im Durchgangslager von Krasnaja Presnja besonders ausgesuchten Mädchen unterhielten. Die guten Beziehungen zu den zwei Mamulows waren eben der Grund für die Achtung, die das Moskauer Gebietskomitee der Partei Schamsetdinow entgegenbrachte. Daher nahm sich dieser Lektor die Freiheit, die vorbereiteten Texte nicht Wort für Wort vorzulesen, sondern sich der rhetorischen Inspiration hinzugeben.)

Aber ungeachtet der sorgfältigen Ankündigung des Vortrages und seiner Verlockungen schleppten sich die freien Mitarbeiter von Mawrino nur unlustig zur Vorlesung und versuchten, mit verschiedenen Ausreden, im Labor zu bleiben. Da ja überall ein freier Mitarbeiter zurückbleiben mußte – man konnte doch die Häftlinge nicht ohne Aufsicht lassen! – teilte der Leiter des Vakuum-Labors, der nie etwas tat, plötzlich mit, daß dringende Angelegenheiten seine Anwesenheit im Labor erforderten, und schickte die Mädchen Tamara und Klara zum Vortrag. Ebenso verfuhr Roitmans Stellvertreter im Akustischen Labor. Er selber blieb zurück und befahl Simotschka, die gerade Dienst hatte, den Vortrag anzuhören. Major Schikin war auch nicht gekommen, aber seine geheimnisumwitterte Tätigkeit konnte nicht einmal die Partei überprüfen.

Wer dann schließlich kam, der kam zu spät und bemühte sich aus einem trügerischen Gefühl der Selbsterhaltung, einen Platz in den letzten Reihen zu ergattern.