Von Werner Sonntag

Wenn man für den "aktiven Urlaub" erst noch ein Touristengebiet erfinden müßte, käme so etwas wie das Allgäu heraus: eine Landschaft, die nicht so gewaltig ist, daß sie Flachlandbewohnern Herzklopfen verursachte, ein Gebiet, in dem das Angebot nicht so einseitig ist, daß man sich vorher schon genau überlegen müßte, welche Aktivitäten man eigentlich entwickeln wollte, eine Gegend, die, wenn man nicht unbedingt sonnenhungrig ist, die Frage der Jahreszeit sekundär erscheinen läßt.

Aktiver Urlaub: vom botanischen Spaziergang bis zum Alpinismus, vom Hallenbad bis zur Kur, und von Dezember bis April kommt das Skifahren hinzu. Alles, wie gesagt, auf ziemlich eng umgrenztem Raum. Es gibt nicht viele Wintersportgebiete, in denen so wenige Gäste, nämlich im Durchschnitt nur etwa ein Viertel, tatsächlich Wintersport treiben. Wenn längst schon keine Abfahrten mehr ins Tal möglich sind, ist in manchen Orten kaum noch ein Zimmer zu bekommen, denn da hat die Saison der Fußwanderer schon begonnen. Erstaunlich, wie vielen Winterwanderern man hier auch in der Skisaison begegnet. Und die Langlaufloipen erscheinen nicht, wie in manchen alpinen Skigebieten, als mildtätige Konzession an merkwürdige Menschen, die Lifte verschmähen; die Loipen werden auch von Skiwanderern benützt, denen man ansieht, daß sie dies noch nicht lange tun. Eisläufer finden in erreichbarer Nähe eine Eisbahn oder ein Eisstadion vor.

Aber nun wird es Zeit zu relativieren: Das Allgäu bietet zwar Abfahrtsläufern eine Pistenpalette unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade; doch sollte man sich nicht einen Riesenskizirkus versprechen, der immer neue Variationen gestattet. Dennoch: Im Allgäu haben sich einige alpine Spitzensportler mit Skischulen niedergelassen. Zwei neue Schwebebahnen setzen seit dem vergangenen Winter dem Skisport im Allgäu Glanzlichter auf. Gleichwohl würde ich es nicht für verkehrt halten, ins Allgäu mit dem Auto zu reisen, wenn man Abwechslung im Skiprogramm schätzt.

Um Oberstdorf, das Zentrum des Oberallgäus, wollte ich eigentlich, was verkehrstechnisch nun möglich ist, einen Bogen schlagen: 12 000 Fremdenbetten, über zwei Millionen Übernachtungen im Jahr, Warteschlangen an der Nebelhornbahn, die eine sieben Kilometer lange und jetzt entschärfte Abfahrt ins Tal ermöglicht. Aber da ist einmal das breite Angebot für Nichtskifahrer – neu ist das Brandungshallenbad –, und da ist zum anderen die Fellhornbahn, die mit einem Fassungsvermögen von 100 Personen, wie es heißt, größte Kabinenbahn der deutschen Alpen; sie ist im Februar dieses Jahres eingeweiht worden. Die Talstation liegt etwa sieben Kilometer außerhalb von Oberstdorf vom Bahnhof verkehrt jedoch halbstündlich ein Autobus dorthin. Kleine Kinder kann man – wie auch bei einigen anderen Bahnen – an der Talstation im "Klub der Kleinen" lassen, wo sie mit Spiel oder Skifahrenlernen beschäftigt werden.

Von der Zentralstation in 1780 Metern Höhe sind drei Lifte erreichbar, davon einer mit einer leichten Abfahrt, und es gibt auch eine Langlaufloipe. Von der Gipfelstation aus (1967 Meter) kann man entweder zur Zentralstation und von da zu Tale fahren oder zwei weitere Lifte benutzen. Geradezu raffiniert ist, daß man damit Anschluß an die Abfahrten der Kanzelwandbahn gewinnt, die vom Kleinen Walsertal aus emporführt. Kenner warnen jedoch davor, bei Hochbetrieb nach der anderen Seite so weit abzufahren, daß man die Kanzelwandbahn benutzen muß, denn die ist für lange Warteschlangen bekannt. Außer dem Fellhorngebiet, zweifellos einem der attraktivsten Skigebiete des Allgäus, und dem bisher stark beanspruchten Nebelhorngebiet gibt es bei Oberstdorf noch eine dritte Bergbahn, die Söllereck-Sesselbahn; die Abfahrt neben der Bahn ist Anfängern zu empfehlen.

Die Straße führt weiter ins Kleine Walsertal, das wir hier einfach eingemeinden; von Rechts wegen gehört es zu Österreich, was der Reisende nur am rot-weiß-roten Hoheitszeichen merkt; in Währung und Zoll ist es, da von Österreich durch keine Straße zugänglich, der Bundesrepublik angeschlossen. Im Kleinen Walsertal gilt das Walmendinger Horn als das vielfältigste Skigebiet; erschlossen wird es von Mittelberg aus durch eine Seilschwebebahn.