Es kann leicht passieren, daß einem plötzlich der Atem stockt vor fassungsloser Bewunderung – nicht, weil einem hier ein gotischer Dom in seiner blanken Schönheit vor Augen geführt wird, sondern weil einem erzählt und gezeichnet wird, wie einer gebaut worden ist; damals vor siebenhundert Jahren, als es weder Motoren noch himmelhohe Kräne noch Bagger noch Sprechfunk gab, sondern nur die zwei Naturkräfte des Menschen: Grips und Muskelkraft. Eigentlich holt man hier nach, was man vor lauter Gewöhnung und lauter technischer Verwöhnung vergessen hat, nämlich: an einem Domturm aufzublicken oder von einem Domturm hinabzuschauen und sich dabei reichlich Zeit zum Staunen zu nehmen. Nichts anderes tut der Engländer David Macauly, ein geduldiger dramatischer Zeichner und ein sachlicher Erzähler, in seinem faszinierenden Buch "Sie bauten eine Kathedrale". Um den Vorgang auch ganz plausibel zu machen, ihn seinem Publikum möglichst haut-nahezubringen, es manchmal sogar vor der Kühnheit mittelalterlicher Baukunst erschauern zu lassen, hat er sich sein – Musterbeispiel erfunden: die gotische Kathedrale von Chutreaux (was wohl nicht zufällig wie Chartres klingt). Es wäre ein Wunder, wenn es auch nur einen Leser gäbe, der nicht baß erstaunt wäre vor der immensen, fast unvorstellbar gewordenen Leistung, der Kühnheit der Dimensionen, dem Vertrauen zu Gott und der Angst vor seinen Strafen. Das ist, selbstverständlich, ein Buch für Kinder (auch wenn man es leid wird, die unübersetzte Maßabgabe Fuß immer erst in Meter umzurechnen, um sich etwas vorstellen zu können), aber es ist, glaube ich, auch ein treffendes Geschenk für Architekten, überhaupt für alle, die das Gefühl lieben, sich über große Taten zu wundern. (Artemis, München; 80 S., 84 Abb., 24,50 DM) Manfred Sack