Mehr als sechs Millionen Juden sind der "Weltanschauung" des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. Was haben wir damit zu tun? Sind wir denn für diese Morde verantwortlich?

Ein so schwerwiegendes Problem in dieser Weise verdrängen zu wollen, scheint mir ein ebenso oberflächlicher wie leichtfertiger Gesichtspunkt zu sein. Auch wenn der Jugendliche keinen direkten Anteil an den Verbrechen hat, heißt das nicht, daß es ihn nichts angeht.

Die verantwortlichen Männer nicht zur Rechenschaft ziehen zu wollen, wäre eine grausame Ironie gegenüber dem Tod von so vielen Menschen. Das Argument der Gegenseite, diese Prozesse sollten nur als Wiedergutmachung gelten und wären aus diesem Grund nicht gerechtfertigt, ist in keiner Weise akzeptabel. Kann man denn den Tod wiedergutmachen? Ist nicht das Leben der kostbarste Besitz des Menschen, den anzutasten niemand ein Recht hat? Die Mißachtung der Menschenwürde und des Lebens sind Verbrechen, die man durch.eine Verjährung nicht einfach vergessen kann. Im Gegenteil sollten die Verantwortlichen so schnell wie möglich bestraft werden. Was ist das für eine Art von Gerechtigkeit, die eine solche Schuld ungesühnt läßt?

Dagmar Klein, 17 Jahre

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Die Zeit des Nationalsozialismus liegt zu weit zurück, als daß ein objektiver Urteilsspruch über die Beteiligten noch möglich wäre. Die Zeugen sind zum Teil sehr alt, so daß ihre Gedächtniskraft möglicherweise beeinträchtigt ist, zum Teil sind sie über die ganze Welt verstreut, wodurch die Kosten für die Prozeßvorbereitung so sehr überhöht werden, daß sie in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu dem beabsichtigten Endzweck stehen. Aber was ist denn der letzte Zweck dieses Aufwandes? Bei heute noch lebenden, nationalsozialistisch Denkenden werden diese Prozesse keine Bewußtseinsänderung mehr hervorrufen, und die Jugend bei uns ist größtenteils so international eingestellt, daß sie die NS-Prozesse als ein abschreckendes Exempel für einen fanatischen Nationalsozialismus und Rassenwahn wirklich nicht nötig hat.

Für die Angeklagten selbst kommen die Strafen zu spät, denn sie sind zu alt, um die Gesellschaft noch ernsthaft gefährden zu können. Auch ist ein Erziehungseffekt bei den Schuldigen in dem hohen Alter nicht mehr zu erwarten. Eine Absonderung von einer Umwelt, in der sie seit 25 Jahren oder länger leben, ohne noch einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen zu sein, ist also nicht erforderlich.