Von Gabriel Laub

Humor ist der Knopf, der verhindert, daß uns der Kragen platzt. Die Satire hat ausgegraben, was das Pathos zugeschüttet hat. Der Humorist ist ein Hund, der bellt; der Satiriker ist ein Hund, der beißt. Der Humorist nimmt die Dinge nicht ernst, sondern tragisch. Optimismus ist die extreme Form der Verwegenheit. Wenn einem Autor der Atem ausgeht, werden die Sätze nicht kürzer, sondern länger. Eine Pointe ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei guten Gedanken. Wenn man bedenkt, wie viele Bücher es schon gibt, ist Nichtlesen eine völlig legitime Notwehr. Man sollte eigentlich nur das ein Buch nennen, was sich zu lesen lohnt.

Die ersten neun Sätze dieser Rezension stammen von Joachim Ringelnatz, Stanislaw Jerzy Lec, Zarko Petan, Jacques Steinberg, Anatole France, John Steinbeck, Gerhard Bronner, Carlo Franchi, Markus M. Ronner und allesamt aus dem Buch –

Markus M. Ronner: "Die treffende Pointe – Humoristisch-satirische Geistesblitze des 20. Jahrhunderts, nach Stichwörtern alphabetisch geordnet"; Ott Verlag, Thun, 1974; 332 S., 29,– DM.

Das Buch enthält 3879 Sprüche von 1296 Autoren. Das Klauen – sagen wir höflicher: das Ausleihen von Gedanken hat uns Ronner leicht gemacht: Unter den 4038 Stichwörtern wiederholen sich viele Pointen mehrmals, man kann sie auf Anhieb finden. Natürlich könnte ich auch dann mit ruhigem Gewissen meinen Namen unter den Text schreiben. Das Eigentumsrecht auf Gedanken ist eigentümlich: Man erreicht es, wenn man sich einen Gedanken aneignet. Die Autoren können sich nicht beschweren, sie haben ihn ja durch Veröffentlichung verschenkt. Nicht nur viele tausend Doktorarbeiten, auch ganze Ideologien entstanden nur dadurch, daß sie von diesem Recht Gebrauch gemacht haben. Hätte es zum Beispiel schon bei den alten Juden den Urheberrechtschutz gegeben, wären Christentum und Islam nicht entstanden.

Bei Aphorismen und Bonmots ist es noch schwieriger, sicher zu sein, daß das, was man unterschreibt, ein eigener Gedanke ist. Schon statistisch ist es unwahrscheinlich, denn die Menschheit vermehrt sich schneller als ihr Vorrat an Gedanken. Es ist mir schon mehrmals passiert, daß ich im Schweiße meiner grauen Zellen einen Aphorismus formuliert und ihn dann zufällig fast in der gleichen Form zum Beispiel bei Cervantes gefunden habe. Noch gefährlicher in dieser Hinsicht sind die Autoren des Altertums – sie hatten den Zeitvorsprung und viel Muße zum Denken.

Trotz dieser Bedenken stimmt Ronners Buch optimistisch. Wer hätte gedacht, daß es im 20. Jahrhundert so viele witzige Menschen gibt? Man denkt allgemein mehr, als man allgemein denkt. Unter den 1296 Namen, die in Ronners Buch vertreten sind, sind nicht nur bekannte Aphoristiker, Schriftsteller oder Denker. Es sind hier einige Hundert Namen, die ich nicht kenne, und einige Dutzend, die mir bekannt sind und denen ich die Autorschaft der witzigen Formulierungen nicht glaube. Plagiatanschuldigungen kann man jedoch nicht erheben – siehe oben. Und der Sammler kann auch nichts dafür – man lebt gar nicht so viele Jahre, wie man brauchte, um bei jedem Spruch den Urheber zu ermitteln. Den Lesern, die sich "Die treffende Pointe" zum Handbuch machen werden, kann es auch egal sein, wer was formuliert hat. Mit Gedanken ist es wie mit Menschen – nur die nichts taugen, müssen sich unbedingt, auf berühmte Väter berufen.