ZEIT: Herr Farthmann, Sie haben geäußert, die Ergebnisse des Mitbestimmungs-Hearings im Bundestagsausschuß für Arbeit seien schockierend. Was empfanden Sie als schockierend?

Farthmann: Ich habe damit gemeint, daß doch einige Überraschungen im Laufe des Anhörungsverfahren zutage getreten sind und daß viele der Politiker erstaunt waren über das Ausmaß der Kritik an einigen Punkten der Gesetzesvorlage, aber auch über das Ausmaß an Zustimmung zum Montanmodell. Ich muß sagen, der letzte Punkt ist für mich überhaupt der erstaunlichste, denn das Montanmodell wurde in den letzten Jahren häufig hingestellt als der Prototyp der Mitbestimmung wie man sie nicht machen solle. Und das Ergebnis des Hearings war geradezu, daß es die Ideallösung der Mitbestimmung sei.

ZEIT: In dem Hearing sind verfassungsrechtliche Bedenken geäußert worden. Sehen Sie die Notwendigkeit, den gesamten Gesetzentwurf noch einmal auf die Probleme der Verfassungsmäßig- . keit durchzuarbeiten?

Farthmann: Ich befürchte, daß andere’darauf bestehen werden. Ich persönlich hätte den Wunsch nicht. Denn ich gehe davon aus, daß verfassungsrechtliche Bedenken unbegründet sind. Dabei muß man berücksichtigen, daß es, als das Grundgesetz im Jahre 1949 erlassen wurde, schon zwei Jahre Mitbestimmungspraxis gab, die Mitbestimmung also bekannt war und gleichwohl die Grundrechtsregelung getroffen wurden, wie wir sie heute vorfinden. Hinzu kommt, daß 25 Jahre Montanmitbestimmung praktiziert wurde, ohne daß jemand deren Verfassungsmäßigkeit in Zweifel gezogen hat. Ich halte die ganze verfassungsfeindliche Diskussion für einen Bestandteil des politischen Pokerspiels, insbesondere von denjenigen, die die Mitbestimmung verzögern oder verhindern möchten.

ZEIT: Gilt die Charakterisierung "Pokerspiel" auch für das Wengler-Gutachten, wonach die Mitbestimmung gegen internationale Verträge verstößt?

Farthmann: Der Meinung bin ich ganz eindeutig. Ich habe schon mehrfach gesagt und will es hier noch einmal betonen, daß ich dieses Gutachten als eine Einmischung interessierter amerikanischer Kreise ansehe, mit dem Ziel, die Mitbestimmungsdiskussion in der Bundesrepublik zu erschweren. Ich würde es für einen Treppenwitz der Geschichte halten, wenn die Mitbestimmung daran – und sei es auch nur für einige amerikanische Unternehmen – scheitern könnte. Ich habe überhaupt keinen Zweifel, daß der Eigentumsbegriff in den internationalen Verträgen nicht stärker sein kann als der Eigentumsbegriff unserer Verfassung.