Von Dieter Bachmann

Für den einen ist sie eine "Fallenstellerin", ein "Land der Vetteln und Vettern". Der andere sagt: "Ein solches Vaterland kann mir gestohlen werden, trotz seiner schönen Fahne!" Einer dichtet: "Ein Spitzlein Berg lacht in den Grund hinein / und noch viele schuftige Spitze dazu", ein anderer: "Ich habe ein Leben wie ein Hund! / So werde ich nie und nimmer gesund / So ist’s in der freien Schweiz: / Elend eng und kein Bücherabsatz" Man schimpft auf die "enge, kleinliche Schullehrerschweiz" und beschreibt sie so: "Alles ist hier klein: die Städte, die Felder, die Bäume, die Entfernungen, die Menschen, die Gelehrten, die Künstler. Und was von Natur groß wäre, wird irgendwie klein gemacht, oder niedrig gehalten. Freilich ist unter den Menschen viel brauchbarer Durchschnitt da, das muß man sagen!" Man persifliert Winkelrieds berühmten Freiheitsruf, indem man kalauert: "Der Freiheit eine Kasse! das ist euer oberster Satz."

All diese Zitate stammen von Schweizer Autoren, aber nicht etwa von Zeitgenossen, bei denen der Mai 1968 mit helvetischer Verspätung eingeschlagen hätte, sondern von Autoren der Jahrgänge 1875 und folgende, von Autoren, die fast ausnahmslos schon in der Literaturgeschichte begraben sind – lebendig oder tot.

Es ist jene Generation, die zwischen den großen Autoren des 19. Jahrhunderts – Keller, Gotthelf, Meyer – und denen des Nachkriegs – Frisch, Dürrenmatt und den Jüngeren – förmlich eingeklemmt ist: Atemnot war ihre Existenz, Namenlosigkeit ihr Schicksal, zumeist. Der große Robert Walser gehört zu ihr, der, lang nach seinem Tod, ein Modeautor geworden ist (viel mehr?), Ludwig Hohl, den man solange als Geheimtip beschwatzt hat, bis er wirklich kaum mehr gelesen werden muß, Jakob Schaffner, der (aus Enttäuschung) in den dreißiger Jahren unter die Nazi-Dichter ging, Friedrich Glauser, der Verschnupfte, den man erst in diesen Jahren wieder zu lesen beginnt. Das sind auch schon die einzigen, bei denen man in Deutschland auf eine geringe Bekanntschaft hoffen darf, alle andern, die in dem Buch von –

Dieter Fringeli: "Dichter im Abseits – Schweizer Autoren von Glauser bis Hohl"; Artemis Verlag, Zürich/München, 1974; 183 S., 24,50 DM

Wiederaufleben, dürften als Verschollene gelten. Um einem Mißverständnis zuvorzukommen: Fringeli schreibt keine schweizerische Literaturgeschichte der Jahre 1900 bis 1950, sondern liefert zwölf Fallstudien von Autoren, welche die Öffentlichkeit – nach seiner Meinung zu Unrecht – verdrängt und vergessen hat. Der Titel bezeichnet sein Auswahlkriterium.

Einen Widerspruch setzt Fringeli gleich an den Anfang: Er behauptet in seiner Einleitung, es gäbe "keine autonome, keine ‚typische‘ schweizerische Literatur" – und stellt in der Folge zwölf Autoren vor, die durchaus spezifisch schweizerische Fälle sind. Der Widerspruch läßt sich auflösen, wenn man Werk und Schicksal der Autoren auseinander hält. Werk: Die Geschichte der Schweizer Literatur der letzten Jahrzehnte ist ein. einziger Kampf dagegen, als "typisch schweizerisch" abgekapselt und in ein Getto gesteckt zu werden. Eine einheitliche Doktrin schweizerischer Literatur, einheitliche Wesenszüge hat es nie gegeben. Fringeli zitiert den Basler Lyriker Siegfried Lang, der schon 1938 differenzierte: "Das Schrifttum eines Landes, als Ganzes oder in einer Anzahl seiner Erscheinungen zusammengefaßt, wird die verschiedensten-Anblicke bieten: zukunftsichtige und zurückverlangende, heimatverwachsene und übersinnliche, kämpferische und liegende und andere mehr."