Sind die Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes in ihren Forderungen wirklich so unbesonnen, wie manche Forderungen ihrer hauptberuflichen Interessenvertreter vermuten lassen? Die ZEIT wollte auf diese Frage, die angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage viele Menschen in diesem Land bewegt, nicht mit Vermutungen und Meinungen antworten. Sie beauftragte deshalb das Institut für Demoskopie Allensbach mit einer Repräsentativ-Umfrage unter Beamten und Angestellten in den Verwaltungen von Bund, Ländern und Gemeinden. Das Ergebnis dieser Umfrage ist auf dieser Seite (und in detaillierter Form in den Tabellen auf Seite 37) wiedergegeben.

Die repräsentative Untersuchung beweist: Die Angehörigen des öffentlichen Dienstes sind weit maß- und einsichtsvoller, als manche Äußerungen des Beamtenbundes und der Gewerkschaft öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) vermuten lassen. Sie haben erkannt, daß auch die Staatsdiener in einer Zeit Zurückhaltung üben müssen, in der Millionen Beschäftigte in der freien Wirtschaft um ihren Arbeitsplatz bangen und viele sich mit dem Abbau von Überstunden, Kurzarbeit oder gar Entlassung abfinden müssen.

Wird berücksichtigt, daß sich bei der Umfrage eine genau definierte Arbeitnehmergruppe zur Entwicklung ihrer eigenen Einkommen äußert, hat die Befragung zu erstaunlichen Ergebnissen geführt: Bei den Angestellten setzen sich nicht einmal 50 Prozent und bei den Beamten gerade die Hälfte dafür ein, daß in der kommenden Tarifrunde Einkommensverbesserungen von mehr als 10 Prozent gefordert werden. 44 Prozent der Angestellten und 41 Prozent der Beamten sprechen sich sogar eindeutig für "maßhalten" aus. Bei den höheren Beamten und den leitenden Angestellten, mit ihrem besseren Überblick über die wirtschaftliche und politische Gesamtlage, ist diese Einstellung besonders stark ausgeprägt. Hier neigt sogar die Mehrheit eindeutig dazu, der gesamtwirtschaftlichen Vernunft gegenüber dem Gruppenegoismus den Vortritt zu gewähren.

Interessant ist im übrigen das Ergebnis einer Sonderauszählung. Sie ergab, daß unter denjenigen, die die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit der öffentlichen Verwaltung eher skeptisch beurteilen, mit 51 Prozent eine absolute Mehrheit für mehr Zurückhaltung bei den Einkommenswünschen eintritt. Nur 36 Prozent dieser Gruppe halten dagegen Aufbesserungen von insgesamt über zehn Prozent für richtig.

Dabei schätzen die Beamten und Angestellten die wirtschaftspolitische Einsicht und Vernunft ihrer Kollegen weit geringer ein, als sie tatsächlich ist. Denn während in Wirklichkeit nur 47 Prozent der Angestellten und die Hälfte der Beamten für eine mehr als zweistellige Aufbesserung ihrer Bezüge eintreten, glauben 64 Prozent der Angestellten und sogar 70 Prozent der Beamten, daß ihre Kollegen und Kolleginnen derartige Forderungen unterstützen.

Der gleichen Fehleinschätzung unterliegen offenbar auch Heinz Klunckers ÖTV und Alfred Krauses Beamtenbund. Realistischer beurteilt dagegen der Vorsitzende der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Hermann Brandt, die Stimmung unter den Mitgliedern. Gegenüber der ZEIT erklärte er bereits im September, daß eine stabilitätsbewußte, verteilungsneutrale Tarifpolitik seiner Organisation keinen Mitgliederverlust eintragen, sondern eher das Gegenteil bewirken werde.

Die Bereitschaft zum Maßhalten ist auch deshalb besonders bemerkenswert, weil die Angehörigen des öffentlichen Dienstes keineswegs das Gefühl haben, eine soziale Sonderstellung einzunehmen. In ihrer großen Mehrzahl sind die Staatsdiener nicht der Meinung, daß ihre sicheren Arbeitsplätze, eine besondere Verpflichtung der Beamten gegenüber dem Gemeinwohl, oder gar ihr sinkendes Ansehen in der Öffentlichkeit, sie zu mehr Zurückhaltung bei ihren Einkommensforderungen verpflichten.