Von Alfred Schickel

Wenn später einmal 1974 als das "Jahr der Geheimdienste" in die Geschichte eingeht, dann wird es dafür unterschiedliche Gründe geben. Für die Spionageliteratur ist dies freilich einerlei. Sie lebt von den Rückschlägen der einen wie von den geglückten Coups der anderen Seite. Für ihre Autoren gibt Günter Guillaume genausoviel her wie die entlarvten Aktionen der amerikanischen CIA (Central Intelligence Agency) in Chile. Für sie ist der sowjetrussische KGB (Komitet Gosudarstwennoy Besopasnosti oder Komitee für Staatssicherheit) ebenso Gegenstand ihrer Reportagen wie Reinhard Gehlens Abteilung "Fremde Heere Ost". Entsprechend zahlreich sind die in diesem Jahr auf den Markt gekommenen Spionagebücher. Dazu gehören vor allem:

Victor Marchetti/John D. Marks: "CIA"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1974; 480 S., 2 Graphiken, 28,– DM.

John Barron: "KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West"; Scherz Verlag, Bern 1974; 517 S., 26,–DM.

Beide Bücher rechnen mit ihrem jeweiligen Sujet hart ab. Das liegt nicht nur in der Natur der Sache – wer wird schon so suspekt erscheinende Unternehmungen wie den Moskauer oder den Washingtoner Spionagedienst rühmen wollen –, sondern macht ihre Lektüre für das breite Publikum erst interessant. Der "ungeschminkten Wahrheit" wird doch eher Glauben geschenkt als einem langweiligen Erfolgsbericht.

Die beiden Bücher sind so brisant, daß sie – wie im Fall von Victor Marchetti und John D. Marks – sogar die Gerichte beschäftigten und zu justiziell verfügten Streichungen im Text führten; für Autoren, Verleger und Werbemanager keineswegs ein Schaden, im Gegenteil! Die 141 markierten Textstellen, die die US-Regierung aus dem Buch entfernt sehen wollte und die 27 Passagen, die der gerichtlich erklärten Geheimhaltung zum Opfer fielen, sorgen für die entsprechende Reklame und geben dem Ganzen einen höchst willkommenen Geruch des Geheimnisvollen und Sensationellen. Was die Leser dann von Victor Marchetti und John Marks erfahren, läßt sie in der Tat kaum mehr aus dem Staunen herauskommen, so unerhört ist das Treiben der amerikanischen Spione und Agenten auf der ganzen Welt. Ein Zweifel an der Glaubwürdigkeit kommt gar nicht erst auf, sind doch die Autoren "vom Fach".

Der eine, Marchetti, diente der CIA von 1952 bis 1969 in verschiedenen Positionen, zuletzt als Stabsoffizier im Büro des Direktors der CIA. Der andere, Marks, arbeitete bis 1970 im "Büro für Nachrichtenwesen und Forschung" des amerikanischen Außenministeriums. Daß ihr Ausscheiden aus dem Staatsdienst außer, wie es scheint, berechtigter Empörung über die von ihnen beschriebenen Praktiken der CIA auch von Ressentiments gegenüber dem ehemaligen Dienstherrn begleitet sein dürfte, mag zwar auf der Hand liegen, aber wohl nur von wenigen Lesern als Beeinträchtigung der vorgegebenen Objektivität bewertet werden.