Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im November

Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und vier seiner Minister erhielten unerwartete Post. Der Absender: General Paul Stehlin, ehemals Generalstabschef der französischen Luftwaffe, danach in den Diensten des amerikanischen Rüstungsunternehmens "Hughes Aircraft", heute Abgeordneter und Gefolgsmann Jean Lecanuets und bis vor wenigen Tagen Vizepräsident der Pariser Nationalversammlung. Auf offiziellem Briefpapier des Hohen Hauses fällte der Flugzeugspezialist und militante Atlantiker ein vernichtendes Urteil über Frankreichs Renommierflugzeug, die Mirage Fl-M 53, und brachte damit die nationalen Gefühle seiner Landsleute durcheinander.

Stehlin verkündete sein Verdikt just zu einem Zeitpunkt, da Belgien, die Niederlande, Dänemark und Norwegen ihre 600 Starfighter ersetzen wollten und Paris auf das Waffengeschäft des Jahrhunderts hofft. Doch damit nicht genug: Stehlins Todesurteil über die Mirage mündete in ein Loblied auf die amerikanischen Konkurrenzmodelle Y-16 und Y-17. Daß Stehlins Papier nicht nur in Paris, sondern auch in anderen europäischen Hauptstädten kursierte, schürte den Zorn der Franzosen über die Initiative des Generals um so mehr.

Alles, was in der französischen Politik Rang und Namen hat, fing an, auf den aufrechten Elsässer einzuschlagen: UDR-Generalsekretär Alexandre Sanguinetti prangerte den "schwerwiegenden Anschlag auf die übergeordneten Interessen des Landes" an. Mirage-Konstrukteur und Erz-Gaullist Marcel Dassault witterte hinter Stehlins Parteinahme einen "Akt der Dankbarkeit gegenüber seinen ehemaligen amerikanischen Arbeitgebern". Der Abgeordnete Marette wetterte, Stehlin habe sich "als Franzose und Soldat entehrt". Und Expremier Couve de Murville fragte mit gewohntem Sarkasmus: "Müssen wir uns in den Verzicht stürzen und uns dankbar damit begnügen, die Zulieferer Amerikas zu werden?"

Vor allem für die Regierungskoalition stand fest, daß Stehlin, der Atlantiker, ein Verräter sei und die Ehre von Armee, Parlament und Vaterland beschmutzt habe. Verteidiger fand Stehlin kaum. So kapitulierte er schnell, gab seinen Vorsitz im Parlament und seine Zugehörigkeit zur Gruppe der Reformatoren freiwillig auf. Das Geschrei um sein. Papier war ihm zu laut und vor allem zu unfair geworden.

In der Tat war der Appell an die nationale Würde eher Vorwand als Argument. Denn wenn die Franzosen lautstark von Ehre reden, denken sie nicht zuletzt an handfeste politische und ökonomische Interessen. Schließlich stehen bei dem Mirage-Handel 15 Milliarden Francs auf dem Spiel. Und die Erregung wird verständlicher, wenn man den Zustand der französischen Flugzeugindustrie betrachtet: er ist desolat. "Concorde", "Airbus" und "Mercure" haben die Luftfahrtindustrie ruiniert. Nur militärische Aufträge aus dem Ausland können sie noch vor der völligen Bruchlandung retten.