Fußball hilft einer Randgruppe, ihre Isolation zu überwinden

Von Horst-Eberhard Richter

Die Gießener Siedlung "Eulenkopf" ist eines der typischen städtischen Gettos für sozial schwache Familien. Über hundert meist kinderreiche Familien hausen hier in dürftigen, engen Wohnungen, zwischen Kasernen und Fabrikgebäuden. Apathie, Resignation, Alkoholismus bei den Erwachsenen, Soziopathie und Delinquenz bei den Jugendlichen, Schulversagen bei den Kindern grassieren hier wie in allen vergleichbaren Gettos in überdurchschnittlichem Maße.

Seit über fünf Jahren bemüht sich eine Initiativgruppe aus Studenten, Lehrern, Sozialarbeitern, einem Arzt und zwei Psychoanalytikern, die "Eulenkopf"-Bewohner zu unterstützen. Ein Kindergarten für die kleineren Kinder, ein Eingangsstufen-Schulprojekt für die Fünf-, Sechsjährigen, systematische Gruppenarbeit mit den Schulkindern, ein Jugendklub und gezielte Betreuung einzelner Problemfamilien wurden eingerichtet. Zähe Verhandlungen mit den Behörden führten zum Bau eines "Gemeinschaftszentrums", wo neben den pädagogischen auch gesundheitsfürsorgerische Dienste etabliert wurden. Aber mit dem Namen "Gemeinschaftszentrum" war die Lösung des vordringlichsten und zugleich prekärsten Problems am "Eulenkopf" noch keineswegs verwirklicht.

Nicht als eine Gemeinschaft, sondern als eine in sich uneinige, von Hader und Rivalitäten aufgesplitterte Ansammlung von Menschen erlebte der Arbeitskreis lange Zeit die Bewohner des "Eulenkopfs". Dies erschien der Initiativgruppe zwar gut verständlich: Materielles Elend, dazu die Diskriminierung des Gettodaseins machten nichts schwerer als den Aufbau eines tragenden Gruppenvertrauens innerhalb der Siedlung. Im Übermaß der Frustration ist Solidarität am schwersten praktizierbar. Dennoch begriff der Arbeitskreis bald: Ohne eine auf mehr Kommunikation und Kooperation eingestellte Verfassung der Bewohnerschaft würden viele der begonnenen pädagogischen, fürsorgerischen und therapeutischen Anstrengungen letztlich ohne nachhaltigen Effekt verpuffen. Denn die Kräftigung einzelner Kinder, Jugendlicher oder auch einzelner Familien durch eine noch so intensive Betreuung würde nicht ausreichen, die Betreffenden gegen die zersetzende und negative Grundstimmung im Getto zu immunisieren.

Wie konnte man also den Bewohnern helfen, Ansätze eines echten Gemeinschaftssinns zu entwickeln? Die Initiativgruppe gab sich alle Mühe, die Bewohner zur Zusammenarbeit anzuregen. Sie unterstützte die Organisation von Versammlungen und Elternabenden. Aber deren Besuch war oft enttäuschend, und Initiativen der Bewohner entwickelten sich nur selten daraus. Auch ein Mieterrat, dessen periodische Wahl zwar momentan großes Interesse, in der Siedlung entfachte, zerrieb sich immer wieder an dem Mißtrauen und den Widerständen derer, für deren Interessen er sich einzusetzen versuchte. Was sich der Arbeitskreis auch immer an möglichen Anreizen für Solidarisierungsbestrebungen der Bewohner einfallen ließ – es wurde nichts Rechtes daraus.

Befangen im Denken der eigenen Mittelschicht, klebte die Initiativgruppe zäh an dem Konzept von Diskussionsabenden, auf denen sich die Bewohner über die Gleichartigkeit ihrer Probleme und über die Notwendigkeit einer solidarischen Aktivität zur Verbesserung ihrer Lage klarwerden sollten. Die Gruppe brauchte lange, um einzusehen, daß diese bildungsmäßig benachteiligten und sich täglich an den elementarsten praktischen Problemen des Überlebens zermürbenden Menschen nicht gestimmt waren, sich abends ausgerechnet zum theoretischen Diskutieren zusammenzusetzen. Ein attraktiverer Anlaß für die Bewohner, sich überhaupt gemeinsam zu treffen und vielleicht auch etwas gemeinsam zu tun, mußte also woanders gesucht werden.