Hamburg hat wieder zwei Premieren hinter sich: am Deutschen Schauspielhaus inszenierte Dieter Giesing Tschechows "Möwe", am Thalia Theater zeigte Boy Gobert "Maria Stuart" – seine angeblich erste (und hoffentlich letzte) Klassiker-Inszenierung.

Über beide Aufführungen könnte man schweigen, weil aus dem Mittelmaß wenig zu lernen ist – aus dem geschmackvollen Mittelmaß der einen Veranstaltung ("Die Möwe") wahrscheinlich noch weniger als aus dem gedankenleeren der anderen. Wenn nun dennoch von ihnen die Rede ist, dann wegen einer ihrer Folgeerscheinungen: wegen der Kritiken, die dazu in Hamburgs leider wichtigster Tageszeitung ("Die Welt") erschienen sind. Beide Aufführungen rezensierte Horst Ziermann. Beide Kritiken standen in derselben Nummer der "Welt" (Montag, Hamburger Ausgabe), auf derselben Seite. Kritiken, die aus zwei Gründen bemerkenswert sind: weil sie jedes noch verschweigbare Mittelmaß unterschreiten, und weil sie sehr eindrucksvoll dokumentieren, in welche Formulierungsverlegenheiten und -Verlogenheiten ein vor Ideologie blinder Theaterjournalismus gerät, der sich noch dazu dauernd mit seiner anti-ideologischen Wachsamkeit brüstet.

Oben auf der "Welt"-Seite steht Ziermanns Kritik zur "Möwe" – ein deftiger, von Differenzierungen unbelasteter Verriß. Über dessen Qualität soll nicht gestritten werden und auch nicht über seine Berechtigung; denn ohne Zweifel gab auch diese Giesing-Inszenierung Anlaß zur Enttäuschung. Und ein Hamburger Lokalkritiker müßte sich die Frage stellen, wie es denn möglich war, daß der Regisseur Giesing nach aufsehenerregenden Anfängen so rasch in eine verängstigte Passivität verfallen konnte – in ein Inszenieren, das über die Figuren eines Stücks kaum noch etwas Entschiedenes mitzuteilen wagt. Aber Ziermann stellt keine Fragen. Er findet alles fürchterlich. Und das mit einer überraschenden, für die Theaterleute bestimmt sehr nützlichen Begründung: Der Aufführung habe einfach die "Weltseele" gefehlt.

Fragen könnte man auch Gobert: Mußte es denn wirklich sein, daß er seine doch eher schmächtigen Regisseurstalente an einem so gewaltigen Gegenstand erprobte? Aber auch diese Frage wird in der "Welt" nicht gestellt. Derselbe Kritiker, der Giesing mit seinem Vernichtungsvokabular bewirft, geht mit dem Regisseur Gobert äußerst behutsam um. Auch "Maria Stuart" hat ihm wohl nicht gefallen; aber um das zu merken, muß der Leser schon viel Geduld und Masochismus aufbringen und die Kritik drei- bis viermal lesen. Denn Ziermanns im Fall Giesing so volkstümlich simples Schreiben wird im Fall Gobert überraschend vieldeutig: "Der Schauspieler-Regisseur Boy Gobert veranstaltet Schauspieler-Theater, recht ungewöhnliches zudem", "theatralische Aura kommt da nicht auf". Und der Abgang Maria Stuarts ist (dies der letzte Satz der Kritik) "so physisch wie die ganze Inszenierung". Ist das ein Lob? Ein Verriß? Ziermann sagt es nicht, und ich glaube, er weiß warum.

Denn Gobert ist nun einmal der Liebling der konservativen Theaterkritik – ein Garant für das sogenannte publikumsnahe Theater. Und wenn Liebling einmal Unfug macht, dann geht natürlich Gnade vor Wahrheit. Das Deutsche Schauspielhaus hat solche Behutsamkeit nicht verdient. Ziermann braucht es nämlich als ideologischen Gegner. Und wenn (was beim Schauspielerhaus ja meist der Fall ist) in den Aufführungen selbst absolut nichts "Linkes" zu entdecken ist, drischt Ziermann auf die Theaterzeitung ein. Denn er steht ja, wie fast alle "Welt"-Journalisten, unter dem manischen Zwang, sich bei jedem möglichen (und fast jedem unmöglichen) Anlaß als Verteidiger des Grundgesetzes profilieren zu müssen.

Schade nur, daß auch ein so gesinnungsstarker Journalismus unter so vielen Opportunismuszwängen steht, so viele Verkleidungen und Verstellungen braucht. Ziermann hat dies, auf einer Zeitungsseite und deshalb so anschaulich wie selten vorgeführt; hat das Elend der einen Aufführung lärmend-couragiert beschrieben, das der anderen flüsternd-verlegen umschrieben. Ein Auftritt als Donnergott, ein Auftritt als Subalterner: eine erstaunliche Doppelrolle.

Benjamin Henrichs