Hamburg

Im Hamburger Polizeihochhaus am Berliner Tor sind dreitausend Mark zu verdienen. Ausgelobt hat diesen Betrag Polizeipräsident Günther Redding, und kassieren soll die drei Mille, wer jenen Unbekannten namhaft macht, der vor einiger Zeit im Dienstzimmer des Kriminalhauptmeister Rolf Grunert einen Minispion, auch Wanze genannt, installiert hat. Soviel ist bis jetzt bekannt: Am Donnerstag letzter Woche entdeckte ein Funkmeß-Trupp der Deutschen Bundespost ein betriebsbereites Abhörgerät, versteckt hinter der Gardine in Grunerts Arbeitsraum im dritten Stock.

Seitdem ist der nur streichholzschachtelgroße Sender Gesprächsthema Nummer eins bei den hamburgischen Ordnungshütern. Denn Rolf Grunert ist nicht nur schlichter Hauptmeister der Besoldungsgruppe A 8. Er ist Personalratsvorsitzender der hamburgischen Kriminalpolizei, Bundesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK) und enfant terrible der hansestädtischen Polizei schlechthin. Und so ist die Wanze in seinem Arbeitszimmer nicht einfach eine Wanze, sondern sie repräsentiert eine der vielen zweitklassigen Affären, mit denen die Polizei der Hansestadt seit Jahren in die Schlagzeilen gerät. Im gut sortierten Skandal-Archiv finden sich mancherlei Merkwürdigkeiten: So ermittelten Kripobeamte gegen siebzehn Kollegen von der Davidswache in St. Pauli, die der Bestechung verdächtig waren; aus einem Geldschrank in der Mordkommission im Polizeihochhaus verschwanden 9500 Mark und wurden bis heute nicht wiedergefunden; ein Kriminalkommissar wurde als Dieb und Hehler entlarvt; ein Kriminalrat, der zum Führungsstab versetzt worden war, wankte in Uniform angetrunken durch die Diensträume.

Das Selbstverständnis dieser Polizei formulierte deren Schutzpolizei-Kommandeur Hans Georg Pries im letzten Jahr so: Die Polizei begreife sich als Teil des Volkskörpers, "indem sie als rote (!) Blutkörperchen wirkt mit der Aufgabe, Krankheiten zu verhindern und schädliche Stoffe von diesem Volkskörper fernzuhalten". In dieser Polizei – so Pries ganz im Jargon des preußischen Obrigkeitsstaates – hätten "allzu modernistische Trends, existenzialistische Ausdrucksformen und Tendenzen sowie übersteigerter Individualismus" nichts zu suchen. Er jedenfalls werde "negative Berufsauffassungen einer verschwindend geringen Zahl von Individualisten, die es auch in der Polizei gibt, eliminieren". Eine Polizeiführung, die so von den Aufgaben ihrer Institution denkt, muß Widerspruch produzieren.

So hat BdK-Vorsitzender Rolf Grunert seinen hohen Chefs kürzlich in der "Gasofenaffäre" ihre wohl peinlichste Niederlage bereitet. Vor zwei Jahren gab er, nach einem vergeblichen Versuch der internen Aufklärung, einen Ausspruch des stellvertretenden Kripochefs Günter Bertling an die Öffentlichkeit weiter. "Es gibt Sachbearbeiter", soll der hohe Beamte in einem Vortrag vor Oberbeamten erklärt haben, "die wissen alles besser, die gehören am besten in den Gasofen." Polizeipräsident Redding reagierte als gekränkte Obrigkeit: Durch seinen "unwürdigen Angriff" habe Grunert die "gesamte Polizei in beschämender Weise in ihrem Ansehen herabgesetzt", dekretierte Hamburgs oberster Polizeibeamter, setzte ein Disziplinarverfahren gegen Grunert in Gang und beantragte Strafverfolgung bei der Staatsanwaltschaft.

Heute dürfte der Polizeipräsident bereuen, damals gleich zum schwersten Säbel gegriffen zu haben. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen Grunert rasch ein, im Disziplinarverfahren bot sich der erstaunten Öffentlichkeit ein konfuser stellvertretender Kripo-Chef: Zuerst hatte Günter Bertling erklärt, nie den berüchtigten "Gasofen"-Ausspruch getan zu haben, dann erinnerte er sich an das Wort, meinte aber, es sei in einem anderen Zusammenhang gefallen. Als er schwören sollte, mußte er völlig passen, denn immerhin hatten neun der rund fünfzig Kommissare, die an dem fraglichen Vortrag teilnahmen, den Ausspruch genau gehört. Ergebnis: Grunert wurde glatt freigesprochen, dem Polizeipräsidenten attestierte das Gericht per Urteilsbegründung "mangelhafte Recherchen" vor Einleitung des Disziplinarverfahrens.

Rolf Grunert hat auch, wie eine Hamburger Zeitung jetzt schrieb, den ersten Abhörskandal um die Hamburger Polizei in Szene gesetzt: Er behauptete gegenüber Journalisten, für polizeiliche Aufgaben würden Minispione eingesetzt und die Behörde habe diese Geräte bei einem Hamburger Händler gekauft. Polizeipräsidium und Innenbehörde dementierten. Dann fand man bei Grunert, der nach seinen Angaben schon lange einen unbestimmten Verdacht hegte, selbst eine Wanze. Wer die Gespräche im Personalratszimmer abhörte, ist freilich noch mehr als offen. Folgende Versionen stehen zur Debatte: Entweder war es ein Beauftragter der Polizeiführung oder ein Kollege von der Konkurrenzgewerkschaft des BdK. Zum Dritten könnte aber auch Rolf Grunert selbst den Fakt geschaffen haben, über den er sich heute beklagt. Wie auch immer: Der neue Innensenator Werner Staak, der am Mittwoch sein Amt antrat, muß sich dringend um die Polizei und ihre Skandale kümmern.

Dieter Staecker