Wenn das wahr wird, was ich befürchte, daß der Realismus abgebaut wird, wie das absurde Theater, wie der formalistische Expressionismus abgebaut wurden, wenn der Realismus nicht begriffen wird als zentrales Moment der Menschendarstellung, wenn er wie jede andere formalistische Welle verstanden wird: Dann schwimmen wir hundertprozentig wieder in die Trostlosigkeit hinein.

Franz Xaver Kroetz in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau"

Wolf gang Schadewaldt

In Tübingen, wo er von 1950 bis 1968 an der Universität gelehrt hat, ist Wolfgang Schadewaldt am 11. November im Alter von 74 Jahren gestorben. Seine letzte Arbeit, eine Übersetzung der "Ilias", konnte er noch abschließen. Über Königsberg, Freiburg, Leipzig, Berlin führte der Weg des Sohnes eines Berliner Sanitätsrates nach Tübingen, wo er den Lehrstuhl für Klassische Philologie (Gräzistik) und Fortleben der Antike innehatte. Schon die Amtsbezeichnung spiegelt den geistigen Reichtum und die Vielfalt von Schadewaldts Arbeit: Er war in der Welt Homers ebenso zu Hause wie in der Goethes oder Hölderlins. "Hellas und Hesperien" – der Titel seiner "Gesammelten Schriften zur Antike und zur neueren Literatur" (1960) war Lebensprogramm dieses Forschers, der auf dem Katheder mit derselben Begeisterung dozierte wie auf der Bühne, wo er zuerst in Darmstadt mit Sellner, später in Tübingen, schließlich in Wiesbaden und Köln mit Heyme, in neuen Übersetzungen für die Lebendigkeit der antiken Tragödie stritt.

Das gibt Kraft und Mut!

Es lebe der 57. Jahrestag der Oktoberrevolution! Unser Bruderbund mit dem Land Lenins ist unzerstörbar. Ewige Freundschaft mit dem großen Sowjetvolk. Siegreiche Ideen des Großen Oktober strahlen auf alle Kontinente aus. Die Ideen des Roten Oktober verändern den Lauf der Welt. DDR trägt aktiv und konstruktiv zum Prozeß der Entspannung bei, voller Energie und Schöpferkraft beim Aufbau des Kommunismus. Die UdSSR verteidigt konsequent Frieden und Sicherheit der Völker. Wirbelnder Reigen der Freundschaft. Die Kühnen zwischen Baikal und Amur: Tausende bauen den Schienenstrang des Jahrhunderts. – Dieser Text, ein machtvoller Beweis für den Formulierungswitz und die Kraft zum Positiven im DDR-Journalismus, ist eine Collage aus Schlagzeilen einer einzigen Nummer der Zeitung "Neues Deutschland", vom 7. November 1974. In der gleichen Ausgabe greift, ein schöner Kontrast zur Schlagzeilen-Prosa, der Poet Max Zimmering zum Lobe Lenins in die Harfe. Und so hört sich positive Lyrik an: "Ich habe Lenin tausendmal gesehen.../ nein, nicht in Moskau, wo er schlafend ruht. / Ich sah ihn lebend durch die Straßen gehen / und Lenin sehen, das gibt Kraft und Mut."

Schuppen, Bunker, Silos