Wenn vom Tennisspiel die Rede ist, sprechen sie von "taeniludius", wenn’s um Fußball geht, von "pedifollium", beim Essen langen sie zu bei den "offis panis siliginei" und lassen sich zu diesen Semmelknödeln noch "assum suillum", Schweinebraten, schmecken: Am Starnberger See, im Pfarrsaal der katholischen Kirche von Tutzing, erklingt Lateinisch.

"Kaum eine andere Fremdsprache wird mit so viel Abneigung gelernt wie Latein", sagte der 63jährige Münchner Meisterstenograph und Sprachlehrer Georg Paucker vor Jahresfrist und verbündete sich mit "dem besten lateinischen Prosastilisten der Bundesrepublik", dem Benediktinerpater Caelestis Eichenseer aus St. Ottilien, zu einer Rettungsaktion für die angeblich tote Sprache.

Seither offerierte Paucker mit seinem Europa-Sprachklub einem kleinen, exklusiven Kreis von mindestens fünf Jahre humanistisch Vorgebildeten jenes Latein, das die Schule meist nicht lehrt. Und schon wenige Tage nach Beginn der ein- oder zweiwöchigen Kurse unterhalten sich pensionierte Studienräte ebenso wie 14jährige Schüler fließend lateinisch, beim Essen, beim Sport, beim Spaziergang oder bei der politischen Stammtischrunde.

Die klassische Sprache ist für Paucker lebender denn je. Freilich nicht das Schul-Latein, das er selbst vor 53 Jahren in einem Klosterinternat paukte. Jenes Idiom habe seinen Atem verloren, meint er. Als Paucker und der Pater diverse lateinische Wörterbücher durchforsteten, registrierten sie, daß das jüngste 1846 zusammengestellt und modernisiert wurde. Daraufhin beschlossen sie, dem Latein durch neue Vokabeln zu neuem Leben zu verhelfen, was Altphilologen freilich nicht ohne Argwohn beobachten.

Paucker und der Pater, die in ihren Kursen in diesem Jahr 85 Teilnehmer hatten, entwickelten eine lateinische Konversationssprache, in der es nicht nur ein Wort für bayerische Schweinshaxe (porcinum femur), sondern auch den Begriff Düsenflugzeug (aeroplanum pyraulocineticum) gibt. "Eine wirkliche Weltsprache könnte Latein sein", schwärmt Paucker, denn allein in der Bundesrepublik leben 800 000 Menschen, die Lateinisch in der Schule lernten.

In Pauckers Kursen reden aufmerksame Schüler genauso fließend lateinisch über das Wetter wie einst ein Senator auf dem forum. Sie berichten über die Familie (de familia), die Heimatstadt (de urbe), das Haus (de domo). Und zur Auflockerung singen sie, die Neu-Lateiner, vom Knaben, der ein Röslein sah (puer vidit rosulam) und von dem Fuchs, der die Gans stahl (anserem e grege captum).

Aus der Zusammensetzung seiner Seminaristen folgert Paucker, der zu den wirtschaftlich unrentablen Kursen in diesem Jahr einige Tausender zuschoß, daß die lateinische Sprache auch als Medium der Unterhaltung nicht sterben muß. Beweis: Da sitzt ein 63jähriger Oberstudienrat neben einem 15jährigen Schüler, da nennen sich Rechtsanwälte, Pater und Hausfrauen lateinisch beim Vornamen. Ein Rechtsanwalt aus Jülich war nach zwei Wochen so firm im Umgangslatein, daß er in seiner Dankrede am Ende des Kurses sogar das Fehlen des Nachtlebens im beschaulichen Tutzing wortreich beklagen konnte. Rolf Henkel