Während der in Untersuchungshaft gestorbene Anarchist Holger Meins am Montag unter großer Beteiligung von Sympathisanten in Hamburg beerdigt wurde, verhörte der Haftrichter in Berlin die 30 Jahre alte Pfarrersfrau Undine Zülke. Sie steht unter dem Verdacht der Beihilfe zum Mord an Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann. Er war am vorletzten Sonntag in seiner Wohnung erschossen worden – einen Tag nach dem Tod von Meins. Frau Zülke ist als Sozialhelferin in der Westberliner Frauenhaftanstalt Moabit tätig und soll dadurch auch Kontakt zu einigen dort inhaftierten Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe unterhalten haben.

Am Montagabend gab es eine zweite Festnahme: Der 29jährige Vikar Cornelius Burghardt wird verdächtigt, von dem geplanten Verbrechen gewußt und es nicht angezeigt zu haben.

Die Diskussion der vergangenen Woche hatte sich mehr mit der Affäre Meins als mit dem Mord an Drenkmann beschäftigt. Bundesjustizminister Vogel stellte wegen "verleumderischer Behauptungen" Strafantrag gegen die Anwälte von Holger Meins. In dem Strafantrag heißt es, die Rechtsanwälte Croissant, Schily, Groenewold und Haag hätten unter anderem auch die Bundesanwaltschaft – deren oberster Dienstherr Vogel ist – für den Tod ihres Mandanten verantwortlich gemacht und dabei von einem "vorgeplanten Mord", von "Vernichtungshaft" und "Hinrichtung in Raten" gesprochen.

Vogel und Innenminister Maihofer warfen den Anwälten der Anarchisten in Regierungserklärungen ihrerseits vor, als Vermittler zwischen Häftlingen und Sympathisanten zu fungieren und ihre Stellung dadurch zu mißbrauchen. Außerdem hätten sie ein Kommunikationsnetz zwischen den Inhaftierten aufgebaut.

Der Justizminister kritisierte den Hungerstreik Inhaftierter. Dies diene nicht einer Verbesserung der Haftbedingungen. "Es ist vielmehr Teil eines geplanten Kampfes gegen den Rechtsstaat mit dem Ziel, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen die Entlassung aus rechtmäßiger Haft zu erzwingen."

Auf Weisung des baden-württembergischen Justizministers Bender sollen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Carmen Roll und Jan Carl Raspe, die in Stuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft sitzen, zwangsweise ärztlich untersucht werden. Die vier Extremisten verlangen statt dessen Ärzte "ihres Vertrauens"; dies hat das Oberlandesgericht Stuttgart abgelehnt. Die vier Anarchisten, die sich im Hungerstreik befinden, sollen von einem Internisten, einem Urologen und einem Psychiater in Augenschein genommen werden.

Auch die Konferenz der Länderjustizminister und -senatoren beschäftigte sich in der vergangenen Woche mit dem Baader-Meinhof-Komplex. Sie wollen verhindern, daß die Inhaftierten das bevorstehende Hauptverfahren in Stuttgart mit ihrem Hungerstreik unterlaufen.

Nach einem Beschluß der Konferenz soll durch eine Änderung der Strafprozeßordnung die Möglichkeit geschaffen werden, "gegen einen nicht verhandlungsfähigen Angeklagten die Hauptverhandlung durchzuführen, wenn der Angeklagte die Verhandlungsunfähigkeit absichtlich herbeigeführt hat". Außerdem ist beabsichtigt, den Verkehr zwischen Verteidigern und inhaftierten Beschuldigten zu überwachen, wenn der Verdacht besteht, daß Gefangener und Verteidiger "konspirativ zusammenwirken".