Von Michael Jungblut

ZEIT: Mister Garvin, seit Ausbruch der Ölkrise und der enormen Erhöhung der Rohölpreise durch die OPEC-Länder hat sich im internationalen Ölgeschäft vieles geändert. Eines ist allerdings von Rockefellers Zeiten bis heute unverändert geblieben: eine feindselige und mißtrauische Haltung der Öffentlichkeit gegenüber den großen Mineralölgesellschaften. Auch hier in den USA machen, die Verbraucher – vom Taxifahrer bis zu Spitzenmanagern anderer Großunternehmen – in erster Linie die Ölkonzerne und nicht die Araber für die hohen Benzin- und Heizölpreise sowie für Versorgungsengpässe verantwortlich. In Europa ist es nicht viel anders. Wie erklären Sie sich diese weitverbreitete Feindseligkeit, die sich nicht zuletzt auch gegen die Exxon, das größte Unternehmen der Welt, richtet? (Siehe Kasten Seite 44).

Garvin: In den USA, und ich glaube in Deutschland ist es nicht anders, mißtraut der Durchschnittsbürger allem, was groß ist. Nach heutigen Maßstäben war Rockefellers Standard Oil zwar klein, aber sie entstand in einem Land, in dem es zu jener Zeit überwiegend Kleinbetriebe gab. Bis heute war die Mineralölindustrie nicht in der Lage, das damals entstandene Mißtrauen zu beseitigen – was nicht heißt, daß wir es nicht versucht hätten. Doch obwohl wir uns immer wieder bemüht haben, die Fakten offenzulegen, glauben immer noch viele Leute, unser einziges Ziel sei es, die Preise in die Höhe zu treiben.

ZEIT: Aber besteht nicht ein natürlicher oder sogar unvermeidlicher Zusammenhang zwischen Größe und Macht? Muß nicht allein die schiere Größe der Exxon bei den Verbrauchern den Verdacht wecken, daß Sie die Möglichkeit haben, die Preise zu beeinflussen und auch in politische Entscheidungen einzugreifen?

Garvin: Wir betrachten es als unsere Aufgabe, den Bedarf an Energie so gut wie möglich zu decken. Natürlich versuchen wir, bei den Regierungen und in der Öffentlichkeit mehr Verständnis für dieses schwierige Geschäft zu wecken. Das wird oft mißverstanden als Versuch, die Politik zu beeinflussen. Aber eine Gesellschaft wie unsere, die seit hundert Jahren existiert und in so vielen Ländern arbeitet, ist darauf angewiesen, die dort geltenden Gesetze zu beachten. Wir haben immer versucht, uns in jedem dieser Staaten als gute Bürger zu benehmen.

Im übrigen sind wir vor allem deswegen zum größten Unternehmen der Welt geworden, weil die OPEC-Länder eines Tages beschlossen haben, die Rohölpreise drastisch zu erhöhen. Vor allem deswegen steigt unser Jahresumsatz von 28 auf vermutlich 47 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Aber sind wir deshalb etwa mächtiger als zuvor? Im Gegenteil – in den meisten Ländern müssen wir jetzt mit größeren politischen Schwierigkeiten kämpfen.

ZEIT: Doch nicht nur Ihr Umsatz, auch Ihre Gewinne sind in diesem Jahr sehr viel höher als in den vergangenen Jahren. Haben Sie nicht allen Grund, den Arabern dankbar zu sein?