Von Dieter E. Zimmer

Ein solcher Schriftstellerkongreß ist eine Lektion in politischer Relativität. Neben den verbliebenen Liberalen erscheint ein Günter Grass als Radikaler. Sozialdemokraten wie Grass oder Dieter Lattmann wiederum, die darauf bestehen, daß die "Rote Armee Fraktion" zu einer "kriminellen Vereinigung geworden" sei, stehen vor ihrem Verband fast da wie untragbare Rechte, jedenfalls neben einem Günter Wallraff, für den "die Abgebrühten und Kaltschnäuzigen, die Technokraten vom Schlage Schmidts, Vogels und Kühns" nichts Geringeres sind als die Verhinderer einer "lebenswerteren Zukunft". Und den Rufern aus dem Publikum paßt es nicht, daß Wallraff dem "heroischen Revolutionär, der dem Sonntagsjäger gleicht, der schießt, damit die wilden Tiere kommen", seine Solidarität aufkündigt. Und draußen: die 62 Prozent bayerischer CSU-Wähler, die die ganzen Versammelten für einen Haufen gefährlicher zersetzender Ultras zu halten bereit wären.

Der erste, euphorische Kongreß des neuen, bundesweiten Verbands deutscher Schriftsteller (VS) fand 1970 statt, in Stuttgart; damals sprachen Willy Brandt, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser. Der große Saal war dem Andrang des Publikums nicht gewachsen. Die Parole hieß: "Einigkeit der Einzelgänger" und "Ende der Bescheidenheit". Die Szene hat sich geändert. Jetzt, nur vier Jahre später, wäre die realistischere Devise: Uneinigkeit der Assoziationsfanatiker.

Was hat der VS, der seit seiner Gründung auf dem Fundament verschlafener Landesverbände mehr sein wollte als noch einmal eine ohnmächtigvornehme schriftstellerische Standesvereinigung, der Einfluß und Anschluß suchte und von Anfang an auf eine gewerkschaftliche Organisation zusteuerte, in diesen vier Jahren geschafft?

1970 schimmerte jenseits des Horizonts die Mediengewerkschaft auf, der große Zusammenschluß der "freien" Autoren und Künstler, die sich mit einigem Recht zu den schutzlosesten und vogelfreiesten Mitgliedern dieser Gesellschaft zählten, mit den Arbeitern und Angestellten der gesamten Kulturindustrie. Die Idee stieß sich sofort an den bestehenden gewerkschaftlichen Strukturen. Die gesuchten Bündnispartner, soweit überhaupt organisierbar, waren bereits anderweitig untergebracht: die Drucker und Setzer in der IG Druck und Papier, die Musiker und Schauspieler und die Mitarbeiter der Sendeanstalten zusammen mit den Artisten in der Gewerkschaft Kunst, die Pädagogen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Buchhändler in der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen, andere potentielle Kollegen in der ÖTV; von denen in der noch entlegeneren DAG gar nicht zu reden. Die Mediengewerkschaft hätte nicht mehr und nicht weniger erfordert als ein Aufbrechen des ganzen Deutschen Gewerkschaftsbundes, eine gründliche Strukturreform.

Da die nicht abzusehen war, nahm der Schriftstellerverband Kurs wenigstens auf eine "richtige" Industriegewerkschaft, auf die IG Druck und Papier und nicht auf die Gewerkschaft Kunst. Ob der Kurs mehr von Proletarierromantik bestimmt war oder mehr von Interessenerwägungen: niemand wird es ergründen. Auf dem zweiten Schriftstellerkongreß, Anfang 1973 in Hamburg, stimmte jedenfalls die große Mehrheit der etwa dreihundert anwesenden Schriftsteller für den Eintritt in die IG Druck und Papier.

Seitdem ist der VS eine Fachgruppe dieser Gewerkschaft, neben der Deutschen Journalisten-Union (dju); jetzt, in Frankfurt, beschloß er konsequent, sich als eingetragener Verein zum Jahresende zu löschen.