In diesen fünf Jahren hat sich andererseits die Lage der Autoren verschlechtert. Zeitungen sind eingestellt, zusammengeschlossen oder im Umfang reduziert worden; Buchprogramme wurden gekürzt; am empfindlichsten traf die Autoren die Einschränkung der kulturellen Programme der Sendeanstalten. Die Liberalität läßt allenthalben nach. Dieser Einengung mußte der VS machtlos zusehen; außer der noch völlig unausgegorenen Idee eines autoreneigenen Buchverlags und diversen Unmutsbekundungen hat er ihr bisher nichts entgegensetzen können.

Der lange Marsch

Die Mediengewerkschaft bleibt ein Ziel, so fern wie am ersten Tag; der Notstreik der Schriftsteller oder für die Schriftsteller eine abenteuerliche Vorstellung. Bisher wurden lediglich die Rivalitäten zwischen der IG Druck und Papier und der Gewerkschaft Kunst einigermaßen eingedämmt; jedenfalls wurde zur Koordinierung bei Tarifverhandlungen eine Arbeitsgemeinschaft Publizistik eingesetzt.

Wie sich die IG Druck und Papier die weitere Prozedur vorstellt, scheinen selbst Mitglieder des VS-Vorstands in Frankfurt zum erstenmal gehört zu haben. Unverbindlich hat der eine oder andere Gewerkschaftsführer offenbar zunächst eine Gewerkschaft Publizistik ins Auge gefaßt, als Zwischenetappe auf dem Weg zur Mediengewerkschaft. Eine Gewerkschaft Publizistik, abgesondert von den technischen Berufen des Medienbereichs, mit ihrem geringen Beitragsaufkommen und ihrer geringen Mitgliederzahl irgendwo in einem Winkel des DGB abgestellt: dies gerade wollen die Schriftsteller auf keinen Fall. Sie wollen sie auch darum nicht, weil damit die Mediengewerkschaft auf unabsehbare Zeit verschoben wäre. Fünf Jahre bis zur Gewerkschaft Publizistik, fünf mehr bis zur Mediengewerkschaft: das war Dieter Lattmanns Prognose.

Leonhard Mahlein, der Vorsitzende der IG Druck und Papier, der auf Radikalisierungsversuche taub reagiert, vermied es sorgfältig, irgendwelche Erwartungen zu wecken. Mediengewerkschaft: ja; aber man möge bitte realistisch bleiben. Schließlich, die Schriftsteller bilden nur eine winzige Fachgruppe mit 1700 Mitgliedern, seine ganze Gewerkschaft hat fast hundertmal so viele, und wenn der ganze DGB nach den Wünschen der Schriftsteller umorganisiert werden soll, müßten siebeneinhalb Millionen Mitglieder dafür gewonnen werden.

Es gab einmal eine recht lachhafte Kontroverse darüber, ob der Schwanz mit dem Hund wedeln kann. Nach diesem Frankfurter Schriftstellerkongreß ist die Frage wohl geklärt. Daß das alles "kein spektakulärer Beginn" war, mochte niemand Mahlein absprechen. Einiges wurde realisiert; aber es geht zäh voran.

"Wir haben uns hier und dort eine Neigung zu Geschäftsordnungsdebatten und Funktionärsumtriebs angewöhnt", hatte Lattmann in seiner Einladung geschrieben. "Für die geistige Brisanz eines Schriftstellerkongresses kann das tödlich sein." Er selber war ein guter Funktionär, ein gewandter Taktierer, von einer verbindlichen Hartnäckigkeit und immer firmer in den sachlichen Fragen, ein Technokrat von Welt. Ohne ihn gäbe es den ganzen Schriftstellerverband möglicherweise gar nicht mehr. Diesmal kandidierte er nicht mehr für den Posten des Vorsitzenden, sondern nur noch für den eines Verbindungsmannes nach Bonn: Unser Mann im Bundestag. Als seine Nachfolger stellten sich Martin Gregor-Dellin und Horst Bingel zur Wahl. Gewählt wurde Bingel, Gregor-Dellin wurde Stellvertreter – Gerüchte besagten, weil man den ohnehin starken bayerischen Landesverband, dem Gregor-Dellin angehört, nicht auch noch den Vorsitzenden stellen lassen wollte.