Frankfurt

Samstag, sechzehnter November, Frankfurter Hauptbahnhof: Im Schalterraum des Bahnhofs treffen sich Rollstuhlfahrer und Nicht-, behinderte. Ein Häuflein von zwanzig Personen, das sich in der weiten Halle fast verliert. In unmittelbarer Nähe und in etwas weiterer Distanz patrouillieren betont unauffällig Zivilisten. Manchmal geht einer der Herren ins Zigarrengeschäft, stellt sich mit dem Rücken zur Bahnhofshalle, lupft sein Funksprechgerät etwas aus der Mantelinnentasche und gibt etwas der Zentrale durch. Zuweilen streicht auch einer der betonten Zivilisten an einem der Bahnpolizisten vorbei, um im Vorbeigehen etwas mitzuteilen.

Die Rollstuhlfahrergruppe verteilt derweilen einige Informationsblätter: "Unser Vorschlag zum Wochenende: Fahr mal im Gepäckwagen!" Unter dem künstlichen Licht eines Fernsehteams befragen sie Passanten, ob sie wüßten, wie ein Behinderter im Rollstuhl mit der Bundesbahn fährt. Die Vorstellungen sind vage. Daß ein Behinderter im Gepäckwagen fahren muß, in Gesellschaft von Geflügel, leicht verderblichem Frischfleisch und Paketen, weiß niemand.

Die Bundesbahn hat sich auf diesen Samstagvormittag – mittels eines Einsatzplanes – bestens vorbereitet. Als der erste Rollstuhlfahrer in den Gepäckwagen des Nahverkehrszuges nach Wiesbaden gehievt wird, packen gleich neun Blauuniformierte zu. Und dann geht es auf die Reise. Unterwegs steigen Behinderte zu, andere steigen aus. Man steigt um. Doch wo die Rollstuhlfahrer an diesem Vormittag auch hinkommen: das Vormeldesystem der Bundesbahn klappt hervorragend. Stets sind vor dem einlaufenden Zug hilfreiche Uniformierte und Zivilisten eingetroffen, die in vorbildlicher Weise den gehinderten DB-Benutzern unter den Rollstuhl greifen. Und als die Gruppe mittags wieder im Frankfurter Hauptbahnhof eintrifft, kann der Uniformierte offiziell in seinem Funkspruch vermelden, daß alles bestens geklappt hat. Auch Bundesbahnoberrat Johannes Wohlfromm, eigens an diesem Samstag aus Stuttgart angereist, kann sehr zufrieden sein.

Der Frankfurter Volkshochschulkursus "Bewältigung der Umwelt" hat verschiedentlich von sich reden gemacht: Er hat mit einem Roll-in an der Frankfurter Hauptpost den Bau einer Rampe erzwungen; er hat Gebäude wie das Gesundheits- und Sozialamt mit dem Prädikat "behindertenfeindlich" beklebt; er hat den Straßenbahnbetrieb einmal zum Zusammenbruch gebracht, um darauf zu verweisen, daß Behinderte nicht mit den Nahverkehrsmitteln fahren können; er hat ein öffentliches Rollstuhltraining in der Innenstadt veranstaltet, um Passanten im Umgang mit Rollstühlen zu trainieren. Die Probleme der Behinderten sollen deutlich, die Barrieren überwunden werden. Selbst Gruppen aus Holland und Dänemark haben sich inzwischen nach den Arbeitsmethoden des Frankfurter Kursus erkundigt.

Die Bundesbahn ist seit Jahren mit den Beschwerden von Rollstuhlfahrern konfrontiert. Zwar fahren sie im Gepäckwagen, doch sie bezahlen den vollen Personentarif. Toiletten sind meist weder im Bahnhof noch im Zug zu benutzen. Treppen und zu enge Türen versperren schon im Bahnhof den Zutritt. Fahrkartenautomaten hängen in der Regel zu hoch. Der Stückgutcharakter des Rollstuhlfahrers wird deutlich, wenn die Behinderten auf den großen Bahnhöfen durch die Aufzüge der Gepäckschächte geschleust werden. Der Aufenthalt im zugigen Gepäckwagen ist vor allem im Winter ein Gesundheitsrisiko.

Der Parlamentarische Staatssekretär Haar hat auf eine Anfrage des Abgeordneten Gerster (CDU) im März dieses Jahres noch antworten können, die Beförderung der Rollstuhlfahrer im Gepäckwagen geschehe "auf ausdrücklichen Wunsch der Reisenden". Glücklicherweise hat sich die Bahn nicht auf diese Auskunft verlassen. Im Sommer dieses Jahres begann in Stuttgart ein Arbeitskreis "Benutzung der DB-Einrichtungen durch Körperbehinderte". Ihm steht Bundesbahnoberrat Johannes Wohlfromm vor.