Von Ulrich Schmidt

Im Frühling blühen hier die Feigen und Mandeln; im November ist es immer noch warm: Die Weinstraße liegt im Wind- und Regenschatten des buckelbergigen Pfälzer Waldes. Jetzt haben sich die in Deutschland hängengebliebenen Schwalben in diese Klimakuhle geflüchtet. Matt und taumelig schwirren sie im Tiefflug durch die Gassen der Winzerorte und wissen nicht, wo sie bleiben sollen.

Ratlos wie die Schwalben sind die Gäste in Bad Dürkheim. Zwar loben sie Essen und Trinken, die Heilkraft der Salzquellen und den herbstbunten Wanderwald. Aber wo ist die kurortsübliche Unterhaltung? Kino und Spielbank, das sei doch verdammt wenig Programm für ein so renommiertes Staatsbad! "Wenn wir bloß zum Urlaub hier wären", artikuliert ein Kurgast aus Kiel den allgemeinen Unwillen, "wären wir schon längst nicht mehr hier."

Die weißhaarige Dame aus Düsseldorf hat aus zwei Gründen Bad Dürkheim gewählt: wegen ihres Kreislaufs und wegen der Kastanien. Denn die prasseln hier jetzt von den Bäumen, gerade recht zur Weinlese, zur Zeit des "federweißen" neuen Weins. Dem Kreislauf der Dame ist schon geholfen worden, doch ihre Lust auf Eßkastanien ist noch immer unbefriedigt. Nirgendwo sind welche aufzutreiben, weder gekocht noch geröstet. Und dabei gelten "Käschte" ebenso wie Dampfknöpf und Saumagen als Pfälzer Spezialität.

Die Gäste verlangen Unmögliches. Die Dürkheimer sind nach acht Tagen "Derkemer Worschtmarkt", alljährlich im September, so geschafft, daß ihnen für die restlichen 357 Tage des Jahres nichts Rechtes mehr einfallen will. Es geht aber auch wirklich hoch her bei dem "größten Weinfest der Welt". 500 000 Besucher – für ein Städtchen von 17 000 Einwohnern – lassen da den Wein fließen, die Würste knacken, die Karussells kreisen und die Tanzböden zittern, Tag und Nacht ohne Polizeistunde. Und fast ohne Polizei, Wein macht eher sanges- als rauflustig.

Wer außerhalb der Wurstmarktzeit nach Dürkheim kommt, dem bleibt am Rande des kahlen Festplatzes doch immerhin das "Dürkheimer Faß". Und das ist nicht wenig: Eins Komma sieben Millionen Liter beziehungsweise fünfhundert Menschen gehen hinein, vier Dutzend Weinsorten werden angeboten und für jede Sorte ein anders geformtes Glas.

Erwähnt werden muß leider auch die schräg gegenüber liegende Talstation der Gondelbahn: ein monströser, kitschig aufgezäumter Glaskasten, Las-Vegas-Architektur, ein Fremdkörper in der alten Residenz- und Kurstadt, ein Mahnmal touristischer Fehlplanung.