Die andere Seite eines schiefen Bildes

Von Ulrich Kaiser

Beelzebub ist ein gemütlicher Herr so um die fünfzig, mit ordentlichem Bäuchlein, Lachfältchen und sehr wachen Augen. Diese Augen sind es auch, die den Eindruck des nur gemütlichen Herrn falsch erscheinen lassen: Sie sind hellwach in jeder Sekunde, und wenn auf eine provozierende Frage eine knallharte Antwort kommt, so ist das sogar ein bißchen erschreckend. Vor zwei Jahrhunderten – so erzählt er – sei ein Vorfahre aus der Schweiz in die Rheinpfalz gezogen und habe dort brav für die verschiedenen Herren Steuern gezahlt und Kriege bestritten; in den zwanziger Jahren sei der Herr Papa wieder zurück in das Land der Eidgenossen gekehrt, wobei sich herausstellte, daß jener Ahn’ für einen eventuellen Heimkehrer Geld und Bürgerrechte deponiert hatte. So kommt es, daß Beelzebub zwei Pässe besitzt, "Pälzisch babbelt" und in der Nähe von St. Gallen wohnt. Auf seiner Visitenkarte steht der Name Norbert A. Gschwend und dazu "Gloria-Transparente Int. Werbegesellschaft".

"Ich schleiche nicht"

Vor acht Jahren hat Norbert A. Gschwend das erfunden, was man heute in vielen Diskussionen Schleichwerbung nennt. Gegen diese Bezeichnung hat er einiges: "Ich erschleiche nichts, sondern zahle dafür – und gar nicht so wenig!" Im Jahre 1973 erhielten die Organisatoren von Sportveranstaltungen von ihm 2,2 Millionen Mark – 1,8 Millionen allein die in der Bundesrepublik. Herr Gschwend personifiziert die größte Firma der Welt auf dem Gebiete der Bandenwerbung, die hierzulande seit Monaten die Gemüter erhitzt. Man weiß: Die Fernsehanstalten wollen die Sportstars nicht mehr vor dem Hintergrund von Reklametafeln auftreten lassen – Norbert A. Gschwend indessen ist nicht gewillt, sich an die Wand drücken zu lassen. Am liebsten würde er die Öffentlichkeit in einer offenen Fernsehdiskussion zu überzeugen versuchen. "Ich handle im Interesse der Fernsehzuschauer und auch der Sportler, weil viele Veranstaltungen ohne die Unterstützung meiner Kunden gar nicht erst zustande kämen!"

Die Idee hatte er vor acht Jahren, als man daran ging, die Weltmeisterschaften im Rudern im jugoslawischen Bled auszurichten. Er kaufte den Organisatoren das Recht ab, jenseits der Strecke vier Meter hohe Tafeln aufstellen zu dürfen, bot diese wiederum den Werbeabteilungen einiger Firmen an, kassierte und zahlte. Als Ehrengast Tito das sah, soll er nur gefragt haben, ob der Schweizer auch harte Dollärwährung überwiesen habe. Er hatte. "Die Leute vom Fernsehen haben zuerst gestaunt und dann protestiert. Der internationale Ruderverband reagierte ähnlich. Schließlich haben wir eine der riesigen Wände an der Ziellinie versetzt. Die Organisatoren standen auf unserer Seite, denn ohne das Geld von uns hätten sie die Weltmeisterschaften gar nicht aufziehen können. Vermittelt hat dann schließlich der Herr Wülfing. Wir waren alle sehr zufrieden!" Dr. Walter Wülfing war – so muß man wissen – damals Präsident des bundesdeutschen Ruderverbandes; heute ist er Fernsehratsvorsitzender beim ZDF. Daß ausgerechnet er nun als einer der Geburtshelfer dieser umstrittenen Art der Fernsehwerbung zu gelten hat, scheint nur einer der Witze zu sein, die in dieser Branche nicht eben selten sind.

Gschwend hatte vorher Neonschriften hergestellt und verkauft, aber der Schweizer Markt war für ihn eine Nummer zu klein. "Wir haben die EFTA und die Bundesrepublik die EWG – da ließ sich über die Grenze hinweg kaum ein ordentliches Geschäft entwickeln!" Ein "ordentliches Geschäft" war dann die Sache mit der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko – allerdings erst, als man die Stadionbesitzer mittels harter Münze überzeugt hatte. Und echte Freude habe er verspürt, als die Moskauer Prawda bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft treu die Aufschrift "Kaufhof" im Hintergrund eines Photos druckte, so daß die Schrift gar auf die Titelseite durchschimmerte – mitten in den Bericht über die posthume Parteibuchverleihung Nr. 1 an Lenin.