Von Christel Buschmann

So lange man keinen Fernseher hat,kann man als Mutter oder Vater mit den Kindern ganz gut auskommen." Der erste Satz an "Liebe Leser dieses ELTERN-Buches" –

"Aggression und Fernsehen – Gefährdet das Fernsehen die Kinder?"; ein ELTERN-Buch von Alphons Silbermann, Robert M. Liebert, Heribert Heinrichs, Theodor Hellbrügge und Udo Undeutsch; Reihe: Jugend – Bildung – Erziehung; Katzmann-Verlag, Tübingen, 1974; 96 S., 9,80 DM

irrt weit mehr, als er recht hat. Denn wann hat man als Mutter oder Vater im allgemeinen das beste Auskommen mit den Kindern? Wo nerven Kinder am wenigsten? Vor dem Fernseher. Und da läßt man sie im allgemeinen auch sitzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Für die meisten Eltern gäbe es spätnachmittags und abends keine ruhige Minute ohne das Allerweltsmittel Fernsehen. Das ist natürlich nicht annähernd so lustig, wie die Kinder es finden; aber wenn man schon meint, einen Schuldigen finden zu können für die allzu oft kaputten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, dann wären – lange vor dem Fernsehen – erst mal die Eltern dran.

In der Bundesrepublik Deutschland sind zur Zeit knapp 19 Millionen Fernsehgeräte angemeldet. 1970 besaßen bereits 87 Prozent aller westdeutschen Haushalte ein oder mehrere Fernsehgeräte. Früher drängten sich Film und Comics zwischen Eltern und Kinder; heute, so redet man sich gern ein, ist nur das Fernsehen für die Erziehungsmisere verantwortlich. Mit einer Halbwahrheit hebt das Buch an, und halbwahr ist es am Schluß. Denn auf die Frage: "Gefährdet das Fernsehen die Kinder?" folgt am Ende die erschöpfende Antwort: "Nach dem heutigen Stand der Forschung steht fest, daß Kinder, die Gewalttätigkeiten im Fernsehen angesehen haben, aggressives Verhalten zeigen und gewalttätige Handlungen begehen können, die nicht geschehen würden, wenn es keine brutalen und gewalttätigen Szenen im Fernsehen gäbe."

Fest steht aber nur: Genaues weiß man nicht. Dennoch hat sich auf dem Kongreß der Zeitschrift ELTERN zur Klärung der Frage: "Aggressiv durch Fernsehen?", auf dem die Wissenschaftler Liebert (USA) und Heinrichs, Hellbrügge, Undeutsch (Bundesrepublik) die hier gesammelten Vorträge gehalten haben, angeblich eindeutig gezeigt, "daß Fernsehgewalt die kindlichen Aggressionen verstärkt". Dazu wäre zu bemerken, daß ein UNO-Sonderausschuß, beauftragt, den Begriff Aggression zu definieren, 1972 nach mehr als vierwöchiger Dauer seine Beratungen einstellte, ohne Ergebnis. Und Udo Undeutsch formuliert das Problem dann auch sehr vorsichtig: "Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung kann die Annahme als gesichert gelten, daß Gewaltdarstellungen in Massenmedien unter bestimmten Voraussetzungen eine aggressionsfördernde Wirkung haben."

In der Formulierung "unter bestimmten Voraussetzungen" steckt der Pferdefuß. Am Ende gereichte Ratschläge sind denn auch wieder genial-problematisch: "Eine Mutter fragt: ‚Wie erreiche ich, daß mein Kind abends ins Bett geht? Es will immer nur fernsehen, bis in die Nacht. Wir haben jeden Abend große Schwierigkeiten‘. – Professor Temanx: ‚In diesem Fall könnte helfen, den Fernseher abzudrehen, bis das Kind schläft. Nichts steht dagegen, ihn später wieder einzuschalten