Charles Ives: "Five Symphonies"

Vor einhundert Jahren wurde in einem kleinen Provinznest des amerikanischen Bundesstaates Connecticut ein Mann geboren, der vielleicht als erster Komponist sich in seinem Stil bewußt und unterschwellig zugleich vom Europäischen absetzte und etwas schrieb, das man als typisch ansehen könnte für das Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts; der mit den Gesetzen der Dur-Moll-Tonalität brach, aber auch mit denen der neuen rationellen Ordnung gar nicht erst anfing; der mit Collagen und Vierteltönen zu arbeiten begann, der musiqüe concrete und Volksmusik in seine Stücke einbaute, der gegen Konvention und Kompositionsmodelle opponierte und ein erster musikalischer Dadaist wurde: Charles Ives. Seine fünf Symphonien in mustergültigen Aufnahmen mit einer außergewöhnlich instruktiven und sehr lesenswerten Einführung ohne falsche Huldigung: eine bestens gelungene Geburtstagsfeier. (Philadelphia/Ormandy; New York Philharmonic/Bernstein; American Symphony/Stokowski; CBS 77424, 4 LP, 59,– DM) Heinz Josef Herbort

Engelbert Humperdinck: "Hänsel und Gretel"

Bis uns, vielleicht, eines Tages jemand ein Stück schreibt, das unserer Realität oder unserer Phantasiewelt, unserer Ratio oder unseren Utopien, Schrecknissen oder Träumen entspricht bis zu diesem fernen Zeitpunkt ist Humperdincks Märchenoper wohl immer noch das Beste vom Üblen, mit dem Kindern musikalisches Theater nahegebracht werden soll. Diese – sogar quadrophonische, aber genausogut auf gewöhnlichen Plattenspielern abtastbare –, Aufnahme geht nicht auf weihnachtlichen Bildschirm-Glamour aus, sondern besetzt die Hauptrollen mit Kindern – hochmusikalischen und ausgebildeten allerdings. Ein weiterer Vorzug: Der gesamte Text liegt der Doppelplatte bei. "Man muß ja was für die Kunst tun", schreibt in seiner kleinen Autobiographie der zwölfjährige Thomas Frohn, der das Taumännchen singt Eben. (Gürzenich Orchester Köln, Heinz Wallberg; Electrola 163-28 972/73, 46,– DM)

Heinz Josef Herbort

Ravi Shankar: "Shankar Family & Friends"

Es ist nicht einmal so sehr das aufdringliche religiöse Sendungsbewußtsein, das diese Platte als eine abgefeimte kommerzielle Spekulation erscheinen läßt. Hier werden Elemente indischer Volksmusik mit penetrant schlechtem Geschmack auf das Niveau seichter Popsongs gebracht, um sie für westliche Ohren leichter konsumierbar zu machen, (Dark Horse Records 88 357) Franz Schöler