Zwei Uraufführungen in Berlin

Von Benjamin Henrichs

Ein Kind ist im Meer ertrunken. Die Eltern (Ruth und Karl, Leute um die Vierzig) sitzen am Strand und warten. Warten, weil man ihnen gesagt hat, die Flut werde die Leiche des Kindes anschwemmen; warten und reden und (hier ist die Redensart so schrecklich wie präzise) vertreiben sich die Zeit. Machen die ersten zögernden, ungelenken Versuche, das Geschehene zu begreifen. Sicher möchten sie trauern um ihr Kind, möchten wenigstens an diesem so wichtigen Tag sich würdig verhalten. Doch ihre Trauerversuche mißglücken ihnen auf kümmerliche Weise. Der erste Kommentar des unglücklichen Vaters: "Immer haben wir so’n Pech." (Ein Satz, einer Autopanne vielleicht angemessen, muß hier für einen Nachruf herhalten.) Ein paar Szenen später sagt der Vater: "Schade, daß sie nicht mehr unter uns ist." Wieder ein einziger, kurzer Satz, in dem sich all seine Ausdrucksohnmacht offenbart – der blasse, fade Jammer seiner eigenen Sprache (dieses private, dem Vorgang lächerlich inadäquate "schade") genauso wie die Untauglichkeit einer fremden, bloß ausgeborgten Sprache ("daß sie nicht mehr unter uns ist": eine bewährte Trauerredner-Floskel). Ruth und Karl sind in ein Drama geraten – aber es fehlt ihnen, auf fast schon komische Weise, der Text, die Sprache für dieses Drama.

"Strandgut" von Harald Mueller ist ein Stück über zwei Leute, die dauernd an ihren Problemen vorbeireden und so an ihrem Leben vorbeileben. Ruth und Karl führen, auch an diesem Schreckenstag, nur Ersatzgespräche miteinander – reden mit hektischer, verzweifelter Wut über das Nebensächliche (über Geld, Kochen, Körperpflege), nehmen das Unwichtige grauenhaft wichtig und kommen zur Hauptsache, zu sich selber, nicht. Und obwohl sie sich einreden wollen, daß dies ein besonderer Tag ist, vielleicht eine Wende in ihrem Leben ("So’n Sterbefall verändert alles"), ist doch ganz klar, daß dieser Todesfall gar nichts verändern wird. "Und ob das Leben weitergeht – und ob!"

Mit Harald Mueller, der so schmerzhaft genaue Sätze schreibt, ist einer der wichtigsten deutschen Dramatiker auf die Bühne zurückgekehrt. In den letzten Jahren war es ziemlich ruhig um ihn geworden. Seine beiden ersten Stücke ("Großer Wolf" und "Halbdeutsch") wurden bei ihren Uraufführungen (beide 1970, beide an den Münchner Kammerspielen) von den Uraufführungsregisseuren zugrunde inszeniert – und wurden, eine Folge des Mißerfolgs, viel zu schnell wieder vergessen. Mueller verdiente dann sein Geld als Shaw-Übersetzer und als Dramaturg am Berliner Schiller-Theater – seit Beginn dieser Saison ist er wieder freier Schriftsteller. Vier Jahre nach "Halbdeutsch" hatte er nun endlich wieder eine Uraufführung. Ernst Wendt inszenierte am Berliner Schloßparktheater die beiden Einakter "Stille Nacht" und "Strandgut". Verwunderlich dabei: das durchaus harmlosere Stück hatte den weitaus größeren Erfolg. Für "Stille Nacht" gab es respektvollen Beifall, "Strandgut" fiel durch: Dünn war der Beifall, kraftlos die Buhs.

"Stille Nacht" beginnt wie ein behäbiges Familienstück Werner, 45, Händler in Fleischwaren, besucht seine Mutter im Altersheim. Es ist ein paar Tage vor Weihnachten. (Aus einem anderen Raum hört man eine Gesangsprobe: Der Altersheim-Chor übt, mit brüchigen Greisenstimmen, das Lied von der "Stillen Nacht".) Die Mutter glaubt, der Sohn wolle sie, wie bisher jedes Jahr, zur Familien-Weihnachtsfeier abholen. Der Sohn aber plant eine doppelte Demütigung: Er will die Mutter von der Weihnachtsfeier ausladen (denn er erwartet zum Feste schon andere Gäste, Geschäftsfreunde aus dem Ausland), und dann will er mit ihr auch noch ein Geschäft machen – sie soll das alte Schlachthaus der Metzgerfamilie verkaufen, an dem sie mit sentimentaler Inbrunst hängt. "Stille Nacht" ist also ein Familienstück und Endkampf – gespielt wird der letzte Akt bei der endgültigen Verwandlung einer Gefühlsbeziehung in eine Geschäftsbeziehung. Das schöne Gefühl hat dem guten Geschäft zu weichen – und klar wird, daß die so mühsam aufrechterhaltene Trennung der beiden Lebensbereiche (hier die Familie, dort der Beruf, hier die Stallwärme, dort, Werners Lieblingswort, die "eiskalt" betriebenen Geschäfte) eine kleinbürgerliche Lebenslüge war. Denn das Familienleben ist voll von Ausbeutungsakten und Demütigungsversuchen, bei denen jeder nur um den eigenen Vorteil kämpft; und die Geschäfte, das Geldverdienen betreibt man mit geradezu libidinösem Ehrgeiz: Hier erringt Werners Männlichkeit jene Triumphe der Stärke, die ihm in seinem infantil zurückgebliebenen, verkümmerten Gefühlsleben versagt bleiben.

Liebe und Geschäft