Manpura ist eine Insel im Mündungsgebiet des Brahmaputra. Die Flutkatastrophe von 1970 traf sie besonders hart. Deshalb entschloß sich die Organisation "Brot für die Welt", den Bewohnern von Manpura zu helfen. Man wollte auf der Insel die in entwicklungspolitischen Diskussionen oft beschworene "Strukturveränderung" anbahnen: Einebnung der unproduktiven Klassenstruktur des Landbesitzes, Intensivierung des Fischfangs durch Gründung einer Fischereigenossenschaft.

Die Soforthilfe – Linderung des akuten Nahrungsmangels, notdürftige Behausung der Flutgeschädigten – gelang. Die Strukturveränderung scheiterte. Woran? Das zu zeigen, wäre eine Fernseh-Dokumentation wert. Könnte dabei doch endlich einmal etwas anderes herauskommen als jene bekannten "Projektfilme" der Entwicklungshilfe-Organisationen, die voll von Klischees und unbegründetem Optimismus sind, in denen "Schrebergärten der Entwicklungshilfe" gezeigt werden, isoliert von den übrigen Strukturen des Entwicklungslandes, die seine Entwicklung behindern.

Doch Christoph Maria Fröhder machte aus dem Fernsehfilm "Manpura – Von der Schwierigkeit zu helfen" doch nur wieder einen Klischee-Film: Im zähen Schlamm einheimischer Trägheit und Korruption versinkt eine edle Idee, auch der hochherzige deutsche Projektleiter kann das Schicksal nicht wenden. Die Inselbewohner werden von Kamera und Kommentator wie Angeklagte präsentiert, der Projektleiter als legitimer Ankläger. Die tieferen Ursachen bleiben unerforscht, die Oberfläche von bengalischer Korruption und Schlamperei wird dargestellt aus der Distanz eines Mannes, der weiß, daß es in seinem Land so etwas wie Korruption oder das Festhalten an längst überholten Traditionen, aus religiösen Gründen zum Beispiel, nicht gibt. So etwas gibt es eben nur bei den Unterentwickelten.

Bei den Bengalen setzt, wo man Schuldbekenntnisse erwarten dürfte, "das übliche Palaver ein", so heißt es einmal im Filmtext. Sie "palavern", die Unterentwickelten, "soziales Denken ist ihnen fremd" – das behauptet ein von der WDR-Kirchenredaktion ausgestrahlter, zynischbunter "stern"-Public-Relations-Streifen von Thomas Höpker über die Äthiopier. Freilich ist es "eine schöne Aufgabe, diesen Teil der Bevölkerung mit unserer Zivilisation vertraut zu machen" – einem Film über Peru ist das zu entnehmen.

Es war solche weiße Überheblichkeit – im feineren Deutsch der Wissenschaftler nennt man sie "Ethnozentrismus" –, die Anfang November rund fünfzig Teilnehmer des "Zweiten Fernseh-Workshops – Für eine gerechte Welt" in der Evangelischen Akademie Arnoldshain veranlaßte, ein Papier zu unterschreiben, in dem es unter anderem heißt: "Die weitaus meisten Filme zeichnen sich durch Oberflächlichkeit, Unkenntnis und Vorurteil aus. Der entwicklungspolitische Fernsehfilm ist in einem katastrophalen Rückstand. Ursachen von Unterentwicklung werden in den meisten Filmen unvollständig beziehungsweise stark verkürzt gesehen. Die Bedingungen des Welthandels werden gewöhnlich nicht dargestellt. Die Menschen in den Entwicklungsländern werden zumeist als bloße Objekte vorgeführt und kommen selten selbst zu Wort, eine Berichterstattung über Gefahren und negative Auswirkungen ausländischer Entwicklungshilfe fehlt."

Es sieht so aus, als könne ein dritter Fernseh-Workshop in zwei Jahren wiederum nur eine Negativ-Bestandsaufnahme bieten. Im Vergleich zum ersten Workshop 1972 in Trier bot schon Arnoldshain zahlreiche "Déjà vu"-Erlebnisse: die alte Frage, ob das Elend in der "Dritten Welt" durch das Farbfernsehen nur "ästhetisiert" und "konsumierbar" wird – wie Indien vor Jahren zur scheußlich-schönen "Fleur de Malle" wurde; oder das Problem, wie man die Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika am wirksamsten selbst zu Wort kommen läßt. Gewiß, es gibt jetzt Spielfilme wie den im Kongo gedrehten "Sambizanga", aber es müßten doch auch journalistische Lösungen denkbar sein. Freilich gerät man allzuleicht an die falschen Filmemacher, die auch nur ein "offiziöses" Bild ihres Heimatlandes liefern, oder an einen jener "Vorzeig-Farbigen", die schon zu lange in Europa leben, ihrer Heimat entfremdet und nicht selten voller Ressentiments sind.

Alt und ungelöst ist auch die Frage nach einer "neuen Dramaturgie" des Features, die den Zuschauer zur Identifikation mit den Problemen der "Dritten Welt" bringt. Wieviel "Emotionalisierung" ist da nötig (Statistiken schläfern ja meist nur ein), welche Dosis hat die entgegengesetzte Wirkung? Solche Fragen lehnten engagierte Linke in Arnoldshain als "bloß formal" oder "ästhetische Scheiße" ab und hielten dann lieber allgemeine Vorträge über "Kolonialismus" und "Neokolonialismus". Die wenigen "Macher", die nach Arnoldshain gekommen waren, spielten in den Diskussionen häufig die Rolle der "Eingeborenen" von Manpura: Auch ihre "Insel" ist gewiß unterentwickelt. Entwicklung in Sachen "Dritte Welt" täte dem Fernsehen not, aber die Hilfe der Kritiker des verschlampten Apparats Fernsehen wird effektlos bleiben, solange die Helfer so wenig von den Bedingungen der Unterentwicklung wissen wollen. Frank J. Heinemann