Pflichtverletzungen, ungenügende Sorgfalt, fehlende Kooperation und Strukturmängel hat die Eschenburg-Kommission im Zusammenhang mit der Affäre Guillaume bei den damit befaßten Dienststellen festgestellt. Der kritische Abschlußbericht von 120 Seiten, der am Montag in Bonn veröffentlicht wurde, nimmt von den Vorwürfen weder das Kanzleramt und das Bundesinnenministerium aus noch den Verfassungsschutz (BFV) und den Bundesnachrichtendienst (BND). Dagegen wird der ehemalige Bundeskanzler Brandt, der wegen dieser Affäre im Mai zurückgetreten war, weitgehend von der Verantwortung entlastet.

Der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission "Vorbeugender Geheimnisschutz" gehören neben dem Tübinger Staatsrechtler Theodor Eschenburg als Vorsitzendem die ehemaligen Staatssekretäre Hans Birckholtz, Hermann Maassen und Reinhold Mercker an.

Dem damaligen Kanzleramtschef Ehmke und dem Sicherheitsbeauftragten Schlichter werfen die Gutachter mehrfach vor, daß "Eile Vorrang vor der Sorgfalt hatte". Die Kommission kritisiert, daß das Einstellungsverfahren zur Jahreswende 1969/70 nicht unterbrochen wurde, nachdem der BND und der Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen negative Erkentnisse übermittelt hätten. Der Zeitdruck – den Ehmke und Schlichter als Zeugen vor dem Guillaume-Ausschuß nachdrücklich bestritten haben – habe die Kritikbereitschaft der Sachbearbeiter im Verfassungsschutzamt herabgesetzt, zu Unterlassungen geführt und die Verantwortlichkeiten verwischt.

Der Bericht bemängelt besonders, daß Guillaume elf Monate ungehindert an Geheimsachen gelangen konnte, obwohl er wegen dringenden Spionageverdachts bereits observiert wurde. Dabei ist es nach Meinung der Kommission nicht Sache Brandts gewesen, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Hier wendet sich die Kritik vielmehr gegen den Verfassungsschutz und das Bundesinnenministerium, das damals Genscher unterstand.

Das Vierer-Gremium hebt auch mit Verwunderung hervor, daß die Geheimdienste eindeutige Hinweise und Widersprüche in Guillaumes verschiedenen Lebensläufen nicht erkannt haben. Ferner seien Erkenntnisse einzelner Dienste nicht untereinander ausgetauscht worden. Zu diesem "Schottensystem" gesellten sich noch archivalische Mängel.