Von Stefan Woltereck

Daß sich die Vorstellung vom Automobil im Wandel befindet, weiß jeder spätestens seit der Ölkrise. Dieser Wandel setzte in Wahrheit aber schon viel früher ein. Die Vernunft-Fahrzeuge unserer Tage befanden sich, das bestätigte auch der ehemalige VW-General Lotz jüngst in einem Interview, schon Ende der sechziger Jahre im Versuchsstadium. Daß sie so prompt nach der Ölkrise auf den Markt kommen konnten, war einer Reihe von Konstrukteuren und Planern zu verdanken, die den sich ändernden Trend vorausgeahnt hatten.

Die Autos der Zukunft müssen aber nicht nur kompakter, sondern vor allem im technischen Aufbau einfacher sein. Dies zumindest ist die neue Überzeugung bei Fiat. Hier konzentrierte man sich bislang auf handliche und flinke, auf schnelle und fahrfreudige Wagen, die praktisch immer einen sportlichen oder wenigstens eigenwilligen Einschlag hatten. Mit ihnen wurde Fiat zeitweilig zur Nummer eins in Europa – 1973 verließen fast 1,4 Millionen Personenwagen die Fertigungsbänder, beim großen Rivalen in Wolfsburg waren es nur reichlich 1,2 Millionen.

Jetzt werfen die Turiner Leistungsimage und hochkarätige Technik über Bord und stellen sich auf Wirtschaftlichkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit und Lebensdauer ein. Der Grund für den Kurswechsel, den man sich radikaler kaum vorstellen kann, ist einfach: Nach Meinung der Fiat-Marktforscher ist der Käufer in Zukunft nicht mehr bereit, für technische Raffinesse extra zu bezahlen.

Es mag sein, daß die Turiner auf ihren Exportmärkten einiges nachzuholen haben (und mit besonderem Rostschutz sowie jüngst verdoppelten Inspektionsintervallen das auch tun). Und es ist sicher auch so, daß Technik und übertriebene Sportlichkeit an Faszination verlieren. Für den Käufer ist die Hauptsache, der Verbrauch liegt niedrig, und das Auto macht im täglichen Umgang möglichst wenig Ärger.

Doch auch eine Philosophie, die allein auf solchen Zielen aufbaut, kann ins Abseits führen. Soll sich ein Modell auf dem Markt durchsetzen, so bedarf es mehr als günstigen Verbrauch, Zuverlässigkeit und preiswerten Unterhalt. Es gehört wohl ein Appeal dazu, der unter anderem von Aussehen und Innenraum, von den Fahreigenschaften, den Kosten und dem allgemeinen Renommee der Marke abhängt. Vor dieser Absage an die technische Avantgarde zumindest bei Massentypen muß man den neuen Fiat 131 "Mirafiori" sehen, der das bisherige Mittelklassemodell 124 ersetzt. Das Zusatzetikett ist der Name einer bedeutenden Fiat-Produktionsstätte: Mirafiori ist die größte (in Turin) – und der Name heißt übersetzt soviel wie "schöne Blume".

Wer sich an den Möglichkeiten orientiert, die die Autotechnik heute bereithält, muß vom neuen 131 zuerst enttäuscht sein. Statt des Raumsparkonzeptes mit Frontantrieb und Quermotor (wie beim Fiat 127 und 128) hat der 131 das Triebwerk vorn längs, wie üblich werden die Hinterräder angetrieben. Die Hinterachse ist starr. Der neu entwickelte Motor hat keine obenliegende Nockenwelle (wie der 128) oder zwei (wie der 125/132), sondern eine eher altväterliche Ventilsteuerung über einer seitlichen Nockenwelle, über Stoßstangen und Kipphebel. Auch sonst sind kaum Raffinessen zu entdecken, mit denen die Konkurrenz oftmals glänzt – etwa ein Schrägheck mit großer Klappe und umlegbaren Rücksitzlehnen oder Scheinwerfer, die sich von innen verstellen lassen.