Von Bernd Dassel

An wohlklingenden Attributen herrscht kein Mangel; Vlado Stenzel (40), seit einigen Monaten Trainer der bundesdeutschen Handball-Auswahl, bietet sich durch seine Erfolge in der Vergangenheit geradezu für journalistische Ausschmückungsarbeiten an. "Magier vom Balkan" wurde er genannt und "Handball-Zauberer", "Wundermann" oder auch (oh, wie profan) "Star-Trainer". Solcherart mit verbalem Lorbeer bekränzt, als er seine jugoslawische Heimat verließ, um im finanzkräftigen Land der vergangenen Olympischen Spiele den Goldmedaillengewinn seines ehemaligen Teams höchstpersönlich zu versilbern, war er freilich zunächst bei den hohen Herren des Deutschen Handball-Bundes (DHB) wegen seiner nicht gerade kleinlichen Forderungen abgeblitzt. Nolens volens hatte er die Betreuung des Bundesligisten Phönix Essen übernommen, war aber nach geraumer Zeit gescheitert, weil er aus einer Truppe des Mittelmaßes keine Spitzenmannschaft zu formen vermochte und weil schließlich die Spieler wegen seiner harten Trainingsmethoden gegen ihn opponierten. Das klägliche Abschneiden der DHB-Auswahl während der letzten Weltmeisterschaft in der DDR (Platz neun) ließ die Verbandsgewaltigen erneut auf die Suche nach einem rettenden Strohhalm für ihre international in die Zweitklassigkeit abgerutschte Vertretung gehen. Stenzel, zu dieser Zeit beim westfälischen Regionalligisten TV Schalksmühle im Sold, machte im zweiten Anlauf das Rennen und wurde Nachfolger des nach zweijähriger Amtszeit resignierend abgetretenen Berliner Professors Horst Käsler.

Belastet mit der Hypothek, zum Erfolg verurteilt zu sein, trat der quirlige Coach sein Amt an, kehrte mit eisernen Besen durchs morsche Auswahlgebälk und schob mit wenigen Ausnahmen all jene ab, die noch das Vertrauen seines Vorgängers besessen hatten. Statt dessen lud Stenzel junge, zum Teil unbekannte, aber, wie er behauptet, "leistungshungrige" Talente zu Lehrgängen und Spielen ein, sichtete und siebte und brachte aus Kattowitz Achtungserfolge gegen Schweden und Polen sowie den vierten Turnierplatz heim. Mit völlig umgekrempelter Crew ging’s wenige Wochen darauf zu einem Turnier in die Schweiz. Niederlagen gegen Island und Ungarn stand der einzige Sieg gegen die Gastgeber gegenüber, doch den Trainer ficht das nicht an: Ernst werde es erst, sagt er, wenn es um die Olympia-Qualifikation für Montreal gehe; zuvor wolle er vor allem testen und trainieren. "Gewinnen", philosophiert er schlitzohrig, "muß man nur, wenn man wirklich gewinnen muß." Und noch muß er nicht.

Von den über 40 Kandidaten, die Stenzel bisher in Augenschein genommen hat, sind mittlerweile 15 übrig geblieben, die für die vier Länderspiele gegen Rumänien und Dänemark zwischen dem 15. und dem 20. November nominiert wurden. Dazu kommen mit den beiden Essenern Nagel und Pelster erneut zwei Neulinge. Bis zum Frühjahr nächsten Jahres will der Zaubermeister den Kreis der Auserwählten endlich geschlossen haben.

Ein Trainer, der vorerst nur sichten und nicht unbedingt siegen will, der kaltlächelnd mit Niederlagen kalkuliert und das auch verkündet, der mit einer Radikalkur seine Verjüngungstherapie einleitet und damit dem in letzer Zeit so lendenlahmen bundesdeutschen Handball zu neuer Spannkraft verhelfen will: Das ist Vlado Stenzel. Noch arbeitet der "Magier" gleichsam hinter dem Vorhang. Doch spätestens, wenn es um die Fahrkarte nach Montreal geht, hat er den Schleier seiner Geheimnisse zu lüften, seine Kunstfertigkeit zu offenbaren. Bis dahin müssen die Tricks des Zauberers klappen.