Ein teurer Mord

Die Verlängerung des Bergarbeiterstreiks hat für die Wirtschaft ernste Folgen

Der tragische Tod des Bergarbeiterfunktionärs Samuel Littlefield, der am Freitagabend in einem Washingtoner Hotel Opfer eines Raubmordes wurde, wird die amerikanische Wirtschaft teuer zu stehen kommen. Littlefield war als Mitglied des 38köpfigen Tarifausschusses der amerikanischen Bergarbeiter nach Washington gekommen, um den am Mittwoch ausgehandelten Tarifvertrag in der Kohleindustrie zu ratifizieren. Sein Tod verzögert die Annahme des Tarifvertrages und macht die Hoffnung auf einen kurzen Streik im Kohlebergbau zunichte, statt zwei Wochen wird der Arbeitsausstand nun mindesten drei bis vier Wochen dauern. Tausende von Beschäftigten in der Stahlindustrie und bei der Eisenbahn werden arbeitslos.

Nach acht zähen Verhandlungswochen hatte sich die Gewerkschaftsspitze und der Industrieverband in der letzten Woche auf einen vorläufigen Tarifvertrag geeinigt. Der sollte nach der Ratifizierung durch den Tarifausschuß den Gewerkschaftsmitgliedern zur Abstimmung vorgelegt werden. Bereits zwei Tage zuvor war der alte Tarifvertrag ausgelaufen und getreu ihrer traditionsreichen Parole "ohne Tarifvertrag keine Arbeit" hatten die 120 000 gewerkschaftlich organisierten Kumpel ihre Arbeit niedergelegt und damit 70 Prozent der amerikanischen Kohleförderung zum Stillstand gebracht. Unmittelbar nach Streikbeginn hatten betroffene Eisenbahnen rund 2000 Beschäftigte auf unbestimmte Zeit auf die Straße gesetzt und die Stahlindustrie 14 000 Arbeiter nach Hause geschickt.

Insgesamt rechneten die Wirtschaftsexperten in Washington jedoch nicht mit einschneidenden Produktions- und Beschäftigungseinbußen. Denn die Stahlindustrie, die ein Sechstel der amerikanischen Kohleproduktion verbraucht, konnte mit ihren Vorräten einen 20tägigen Streik relativ ungeschoren überstehen; die Reservehalden der Kraftweike, die zwei Drittel der Kohleproduktion für 50 Prozent der amerikanischen Stromversorgung verfeuern, reichen für drei Monate.

Mit dem Tod Littlefields hat sich die Situation grundlegend geändert. Denn mittlerweile ist Unzufriedenheit über einige Punkte des Tarifpaketes lautgeworden. Sollte der Tarifausschuß die Ratifizierung verweigern, sind die Unterhändler der Gewerkschaft zu einer Neuverhandlung gezwungen, die möglicherweise Wochen dauern könnte.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die düsteren Wirtschaftsanalysen des Washingtoner Budgetbüros an Bedeutung: Ein vierwöchiger Streik – so schätzt die Behörde – würde in der von der Kohle abhängigen Industrie rund 400 000 Beschäftigte den Arbeitsplatz kosten. Diese Zahl würde sich nach acht Wochen auf 1,5 Millionen Beschäftigte erhöhen; außerdem müßte ein Rückgang des Bruttosozialprodukts um zehn Milliarden Dollar im vierten Quartal und der Übergang von der wirtschaftlichen Stagnation in eine tiefe Rezession in Kauf genommen werden.

Die Regierung verfügt zwar mit dem Taft-Hartley-Gesetz über ein Mittel, um einen die Wirtschaftsaktivität bedrohenden Streik für 80 Tage zu unterbrechen. Im Falle der Bergarbeiter zögert sie jedoch, diesen Weg einzuschlagen. Die Vergangenheit lehrt, daß die amerikanischen Kumpel den gerichtlichen "zurück zur Arbeit-Befehl immer mißachtet haben.

Ein teurer Mord

Die tragischen Umstände, die eine derartige wirtschaftliche Katastrophe herbeiführen könnten, sind auch deshalb so bedauerlich, weil die Bergarbeiter den fettesten und attraktivsten Tarifabschluß aller in diesem Jahr verhandelten Verträge gewonnen haben. Werden Lohn- und Fringe Benefits zusammengerechnet, so sprechen Industriekreise von einer Erhöhung der Lohnkosten über die drei Jahresperioden von etwa 62 Prozent. Die Gewerkschaftsrechnung nimmt sich mit 49 Prozent zwar etwas bescheidener aus, aber die Forderungen der Gewerkschaft – seien es Sicherheitsvorkehrungen, Ausbildung, bezahlter Urlaub und bezahlte Krankentage, oder seien es die Lohnindexierung, erhöhte Pensionsansprüche und das Recht zum Streik über Sicherheitsfragen, sind weitestgehend erfüllt worden.

Carola Kaps