Sie lebe gerne, schreibt sie in ihrem Lebensprotokoll "Danke für die Blumen", und habe Angst, den Tod bewußt erleben zu müssen. Wir wissen nicht, ob Ursula Herking, als sie am Sonntag einem Herzinfarkt erlag, einen "leichten" Tod hatte – oder ob sie nicht doch, in den Wochen ihrer schweren und merkwürdig geheimnisvollen und unbekannten Krankheit, bewußt einen langsamen Tod erleben mußte. Wenn sie in den letzten Jahren auf der Bühne oder vor der Kamera stand, wußte sie, die allein nach dem Krieg in 120 Filmen zu sehen war und dem kritischen deutschen Kabarett seine satirischironischen Pointen servierte, daß das, was sie zu spielen hatte, nicht das große intellektuelle Welttheater war; aber sie wußte auch, daß sie denen unten im Parkett wirklich einen Theaterspaß bereitete, bei ihnen ankam, von ihnen geliebt wurde. Und wer sie nach einer Vorstellung traf, irgendwo in einem Eckchen bei Bier oder badischem Wein, sah, wie sie erst langsam sich aus einer Totalerschöpfung löste und wie aus einem Tiefschlaf erwachte, und man wußte, wie ernst sie auch das Boulevardtheater und seine Zuschauer nahm. Sie in München-Schwabing besuchen hieß Platz nehmen an einem jener massiven Tische, auf die man die Ellbogen stützt, um zu diskutieren, entspannt und doch intensiv. Und um plötzlich auf ihr leidenschaftliches Hobby zu kommen, die Malerei, über eines ihrer Bilder zu sprechen, naive und doch virtuose und phantasievolle Szenen, ein Schaukelstuhl auf einer grünen Wiese, drei vom Wind schief geblasene Nonnen vor einem klösterlichen Schloß. Viele Menschen, so meint sie am Schluß ihres Buches, würfen ihr vor, sie sei in keiner Weise ernst zu nehmen: gerade in ihrer Sprunghaftigkeit und Spontaneität, in ihrer unkomplizierten und doch so sensiblen Reaktion war sie eine der Ernsthaftesten ihres so scheinbar unernsten Faches. H. J. H.